Von dem gut gefüllten Rattenfängerstadion flohen sie letztendlich alle wie die Ratten vom sinkenden Schiff. Ein heftiges Unwetter zwang die Schiedsrichter dazu die dritte Blue River Bowl elf Minuten vor Ende vorzeitig abzubrechen. Das gültige und zählende Ergebnis zu dem Zeitpunkt: 28:3 für die Dragons. Moment, sollte das nicht ein ausgeglichenes Spiel zweier Top-Teams und Playoffteilnehmer werden, die sich auf Augenhöhe gegenüber treten sollten? Wie rechtfertigt man dann ein derartiges Ergebnis? Hat das Unwetter was mit Bestechungsgeldern zu tun? Und warum pfeifen die Schiedsrichter wieder gegen den Vikinger-Wind? Keine Sorge, die Antworten lagen diesmal ganz deutlich auf dem Feld.

Schon vom ersten Viertel an wird nämlich deutlich, dass sich hier zwei souveräne Defenses gegenüber stehen, von denen die eine den Sieg mehr wollte, als die andere. Die Vikings brauchten für das Abzählen der erreichten First Downs in der ersten Hälfte nicht einmal eine ganze Hand, Dragons‘ DL Neil Brown war hierbei mit drei TFL für 19 der wichtigste Stolperstein für Josiah Cravalho und Christoph Gross. Das Laufspiel der Vikings addiert sich über den Spielverlauf zu -14 (in Worten: minus vierzehn) yards, und der ständig unter Druck stehende Gross wirft 12 von 26 für 100 yards, keine TDs und eine Interception, die erste, die die Dragons Secondary heuer gefangen hat. (Weder Andreas Diwald noch Ryan McGuire haben dieses Kunststück vollbracht.)

Helmverlust und Vikingsfrust
Dabei wirkte am Anfang die Vikings Defense auch gewillt, das Spiel für sich zu entscheiden, der erste Drive der Dragons führte zu fünf Helmverlusten und einem Fumble von Michael Janik zwei yards vor der Endzone. Aber die Aggressivität der Vikings Defense zeigte auch Schattenseiten: Wichtige Penalties zu First Downs und ein Ausschluss von Christoph Putz wegen Unsportsmanlike Conduct trübten das Bild und prägten die Zukunft. Einzig Chris James (insgesamt zehn Tackles, davon zweieinhalb TFLs für elf) schien in der Frühphase des Matches effektiv die hochmotivierte Dragons Offense ins Schwitzen zu bringen.

Gegen Ende des ersten Viertels brach aber der erste Damm des Abends, als der wieder gesunde Dragons RB Andrej Kliman (elf für 83 und zwei TDs) die Endzone nach einem kurzen, von einem schönen Puntreturn von Jason Horton aufgetischten Drive fand. Als Gross zu Beginn des zweiten Viertels bei 3rd & 6 von Brown für ganze 15 yards gesacked wird, fing das Spiel an immer deutlicher in die Dragons-Richtung zu kippen. Eric Marty orchestrierte quasi im Alleingang daraufhin einen 70 yards Drive, den er mit einem wunderbar improvisierten 3-yards Touchdownpass auf Thomas Haider beendete. Als Gross daraufhin bei einem ausgespielten 4th Down abermals von Brown gesacked wird, witterte die Vikings Defense ihre Jetzt-oder-nie-Chance – und erzwangen tatsächlich ein Turnover on Downs. Der Momentum-Changer? Nein, denn die Vikings mussten auf allen drei Spielphasen funktionieren, um in Korneuburg bestehen zu können. Ihre Offense aber ging zum vierten Mal three-and-out, und dann kam der Sargnagel der Special Teams, als WR Jason Horton (mit 6 für 80 auch einen "okayen" Tag als Receiver habend) den folgenden Punt ganze 73 yards zurück in die Endzone trug. 21:0 kurz vor der Halbzeit… man wusste nicht, ob das Ergebnis oder die Tatsache, dass es gerechtfertigt war, skurriler war.

Ganz kurz vor der Pause gab es noch ein Lebenszeichen der Vikings, als sie mit ihrem ersten erfolgreichen Drive und einem 25-yarder von Peter Kramberger endlich aufs Scoreboard kamen. Auch ein zu kurzer FG-Versuch der Dragons eine Sekunde vor Halbzeit, den Chauncey Calhoun (39 offense yards) fleißig bis an die eigene 42-yard-Linie zurücktrug, bevor Thomas Haider den touchdown-saving tackle anbrachte, zeigten auf, dass die Vikings noch nicht aufgeben wollten. Das dritte Viertel begann dann auch mit einem weiteren vergebenen FG der Dragons (diesmal blocked). Aber die Interception von Gross im darauffolgenden Vikings Drive machte klar, dass die Dragons sich das Spiel nicht mehr aus der Hand nehmen lassen wollten: Andrej Kliman lief zwei Spielzüge später 43 yards weit in die Enzone. Mit 28:3 schien das Momentum wieder klar auf Seiten der Dragons.

Spielabbruch im letzten Viertel
Dort blieb es auch: Im dritten Viertel hatten die Dragons über 10 Minuten time of possession. Als kurz nach Beginn des vierten Viertels weltuntergangsartige Gewitterwolken Flüsse an Regentropfen über der Blue River Bowl entließen, blieb den Referees nichts anderes übrig, als das Spiel abzubrechen. Für die Vikings war es wohl das Sinnbild schlechthin für den Spielverlauf. Und nein, es sah nicht im geringsten so aus, als ob sie im vierten Viertel, wenn weitergespielt worden wäre, dieses four possession game noch gedreht hätten. (Zugegeben, das wäre nicht das erste Mal gewesen, dass die Vikings einen unmöglichen Rückstand noch aufholen.) Und die vielen Strafen gegen sie waren einerseits nichts mehr als ein Übers-Ziel-Hinausschießen beim Versuch, frühzeitig eine aggressive Defense zu etablieren, und andererseits sogar in die andere Richtung interpretierbar: Etliche der wichtigen Strafen waren half the distance to the goal. Die 71 penalty yards sind eine Untertreibung, keine Verschwörung.

AFL
1.QT
2.QT
3.QT
4.QT
TOTAL
DRA vs. VIK
7:0
14:3
7:0
x:x
28:3
 12. Juni 10 | 18:00 »Spielstatistiken«

 Rattenfängerstadion | Korneuburg 

Fazit
Die wirklichen Gründe für diesen Einbruch sind vielfältig: Die Dragons sind, das wusste man schon vorher, eines der besten Teams der AFL. Die Dragons sind auch, das wissen wir erst seit heute, der alleinige Tabellenführer der AFL. QB Eric Marty (18 von 30 für 147 und ein TD) ist dafür ein ausschlaggebender Grund, und seine Interception-Allergie (er wirft sie anscheinend nur gegen die Giants) und die Art, wie er Drives orchestriert und Touchdowns improvisiert, hat nun schon die Raiders und die Vikings zu Niederlagen gebracht. Kliman kommt anscheinend auch problemlos von einer Verletzung zurück und läuft wie schon gegen die erste nun auch gegen die zweite der beiden wirklich überragenden Rushing Defenses der Liga eine Doppel-TD-Performance. (Zum Kontext: Die Vikings haben die bisherige Saison über nur drei rushing TDs zugelassen.) Wie gegen die Raiders verhilft er auch gegen die Vikings damit zu einem Sieg.

Das Playcalling von HC Ivan Zivko trägt auch seinen Teil dazu bei: Bei 1st Downs war das Run-Pass-Verhältnis der Dragons heute 11:14. Bei den Vikings 3:10. Bei 3rd und 4th Down haben die Vikings nicht ein einziges Laufspiel versucht, egal welche Distanz zu gehen war; nicht so die Dragons. Auf der Offense-Seite sind die Dragons derzeit deutlich ausgewogener und konsequenter. Aber die wirklich große Überraschung an den 2010er Dragons ist natürlich ihre Defense, die den Vikings ganze 86 yards erlaubte. Die Interception von Wolfgang Irbinger ist dabei nur das i-Tüpfelchen der besten Pass Defense der Liga, gegen die noch kein AFL-QB heuer ein Rezept gefunden zu haben scheint.

Und das wirklich beängstigende für die kommenden Gegner scheint zu sein: Auch gegen den Lauf sind die Dragons plötzlich eine Macht. Selbst wenn die Vikings statistisch nicht vom Lauf leben, ist er für ihr Playcalling und die Stabilität ihres Gameplan essentieller als es viele Gross-Fans wahrhaben wollen. Was dieser Offense zustößt, wenn dieser Teil plötzlich fehlt, sah man gerade eben in Korneuburg und vor über einem Monat am Tivoli. Und das wirklich beeindruckende an diesem Dragons-Sieg (wie auch an dem gegen die Raiders) war, dass man nie das Gefühl hatte, die Gegner hätten ihnen das Spiel einfach übergeben. Die Defense machte die nötigen Plays, wirkte immer aktiv, und brauchte keine Geschenke, um das Spiel sicher für sich zu entscheiden.

Apropos kommende Gegner: Die Dragons sichern sich mit der Tabellenführung auch Heimrecht in den Playoffs und spielen dort am 26. Juni im Halbfinale wieder im Rattenfängerstadion … gegen die Vienna Vikings. Und keine Gewitter und keine Schiedsrichter und kein Gameday darf dann als Rechtfertigung für irgendwas herhalten. Bis dahin haben die Vikings Zeit, sich zu überlegen, was heute am Spielfeld nicht funktioniert hat, und woran es lag. Und wie man den Top-Anwärter auf die Austrian Bowl 2010 in irgendeiner der drei Spielphasen (am besten aber in mehr als nur einer) stoppen kann. (marko)
Marko Markovic ist Redakteur bei Football-Austria.
Sie erreichen ihn unter [email protected]

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