Skandalisierung – Effekthascherei – Boulevardgeschmiere

Es waren heftige letzte Wochen. Die Raiders verloren Chris Rosier an die Vikings, die kurz danach Michael Werosta nach 20 Jahren vor die Tür setzten, den sich danach relativ rasch die Giants unter den Nagel rissen. Wir haben diese Vorgänge versucht zu beleuchten und uns wurde, auch von durchaus honorigen Vereinsgranden und Persönlichkeiten, eben das was in dieser Zwischenüberschrift steht vorgehalten. Nicht selten in einer härteren oder gar lauteren Ton/Gangart. Ein crescendo, gefolgt von einem sforzato, dann oft doch am Ende abklingend (fortepiano).

Der Ton macht bekanntlich die Musik und Bilder sagen mehr als 1000 Worte. Das kostet als Doppelfloskel 6 Euro, aber es ist so. Umso überraschender für uns, beinahe fühlten wir uns schon schuldig gemein und ungerecht gewesen zu sein, legten Österreichs Printmedien nun nach. Oberflächlich betrachtet könnte man nun fast meinen sie schreiben nach was wir vor zwei Wochen gebracht haben – eben in ihren eigenen Worten und Empfindungen. Doch ganz so ist es nicht. Jedes Blatt hat seine Linie, kaum ein Cliffhanger gleicht seinem Bruder und alle sprachen mit den Protagonisten freilich von Aug zu Aug.

In Graz ist eine Gaudi

In der aktuellen Ausgabe der Sportwoche wird die Rubrik ‚Diese Woche‘ mit dem Fall Werosta gefüllt. Der Herr Ingenieur (es heißt nämlich korrekt Ing. Michael Werosta – wer es nicht gewusst haben sollte) wird dort deutlich. ‚Ich wurde zu Saisonbeginn von den Dodge Vikings rausgeschmissen. Weil man mich für den Rädelsführer jener Spieler hielt, die keinen Mitgliedsbeitrag zahlen wollen.‘ Schau an. Das haben wir auch, allerdings weniger konkret, gebracht und erhielten unter Anderem dafür einen Wikinger-Weckruf. Hat eigentlich auch jemand bei der Sportwoche angerufen um Ihnen zu sagen, dass das nicht wahr ist?

Musste man nicht, denn Werosta spricht auch gleich für den Vikings Teamanger Felix Hoppel in seiner SpoWo-Spalte. ‚…Hoppel begründet das anders‘. Und wie auch noch. In der Kronen Zeitung vom 21. Februar sagt er (Hoppel) über den Bad Boy: ‚Er war ein ständiger Störfaktor‘. Kein Wunder – als Rädelsführer der Mitgliedsbeitragsverweigerer. Dabei untertreibt Werosta mit dem Verb wollen. Er wollte nicht nur nicht, sondern zahlte diesen (Mitgliedsbeitrag) auch tatsächlich nicht.

Zum Abschluss wird Werosta versöhnlich, vergleicht den neuen Headcoach der Giants Rick Rhoades mit Vikings Legende Tom Smythe, freut sich über die Angebote der Invaders und Gladiators und vor allem über seine Entscheidung pro Graz. Weil dort gehe es lockerer zu und man habe mehr Spaß beim Training. Die Trennung von den Vikings sei am Ende ein ‚relativ harmloser Abschied‘ gewesen. Wie bitte? Da fliegt jemand aus einem Verein raus, weil, so glaubt er es selber, er ein Anstifter zum finanziellen Ungehorsam war und am Ende war alles harmlos? Che Guevara würde sich im Grab umdrehen!

Verletzte Tiroler Gefühle

Ebenfalls in der Krone vom 21. Februar meldet sich Raiders GM Daniel Dieplinger zur Sache Chris Rosier zu Wort. Der Wide Receiver wechselte ja von Innsbruck nach Wien, manche sagten des Geldes wegen, andere (darunter auch der Spieler selbst auf der Webseite seines neuen Vereins) weil er sich dort besser verstanden oder behandelt fühle. Die Raiders konterten mit der Veröffentlichung einer E-Mail auf ihrer Homepage (die ist nicht mehr Online) um darzustellen, dass es der schnöde Mammon und sonst gar nichts war, welcher Rosier nach Wien lockte.

‚Damit wollen uns die Wiener wehtun‘, so Dieplinger in der Krone. ‚Er hatte ein unglaubliches Angebot von uns. Scheinbar fangen wir nun auch im Football an, uns gegenseitig die besten Spieler abzuwerben.‘

Das ‚unglaubliche Angebot‘ war aber laut Vikings nur ’scheinbar‘ ein solches, denn ‚die Wiener‘ zahlen Rosier um genau 100 Euro mehr im Monat als die Raiders. Soweit belegt das ein offizieller Budgetposten, welcher uns freundlicher Weise von den Vikings zur Ansicht gereicht wurde. Rosier ist demnach nicht Mal der teuerste Spieler der Vikings.

Kurze Deutschstunde – mögliche Erklärung

In Dieplingers Aussage in der Krone, sollte er sie so getätigt haben, steckt spitzfindiger Weise ein massiver ‚Zwiebelfisch‚ im Detail. Das Wort ’scheinbar‘ ist nämlich nur scheinbar scheinbar, weil es anscheinend anscheinend sein müsste. Sie sind jetzt verwirrt? Die zugegebner Weise komplizierte deutsche Sprache hat es sich im Laufe seiner Entwicklung zu Eigen gemacht seine ‚Benutzer‘ zusehends damit zu verwirren, als sie es als zulässig erscheinen lässt (anscheinend also das Scheinbare zuzulassen), falsche Begriffe einzusetzen die aber trotzdem jeder sofort versteht.

Weil scheinbar bedeutet angeblich. Punkt. Sinnverwandt wäre auch ’nicht in Wirklichkeit‘. Insofern die Vikings eben nicht versuchen ’sich gegenseitig Spieler abzuwerben‘, sondern es nur den Schein macht, welcher aber trügt. Das Wort nachdem Dieplinger (oder der Krone Reporter) gesucht hat ist also anscheinend, welches sinnverwandt mit wahrscheinlich ist. Nachdem gerade diese Zeitung permanent mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß steht, gilt für den Raiders Manager hier die Unschuldsvermutung.

Jetzt wissen Sie, liebe Leser, dass wir hier nicht anscheinend, sondern nur scheinbar Boulevard produzieren (auf der Skandal-Nudelsuppe daher schwimmen). Man mag uns Satzzeichen und Tippfehler nachweisen (wie auch der Krone übrigens), aber eine Verwechslung scheinbar/anscheinend wird bei uns intern mit der Höchststrafe (eine Woche Kaffee kochen) bestraft – zurück zum Thema.

Ein hartes Geschäft

Der Ausflug war sinnlos, denn Felix Hoppel gibt solgleich alles zu, was ihm Daniel Dieplinger gar nicht (weil eben nur scheinbar) vowirft. Er läßt seinem Raiders Kollegen über das Kleinformat ausrichten, selber Schuld zu sein. ‚So ist das Geschäft‘, sagt Hoppel in der Krone und zeigt sich auch als Astronom kompetent in dem er sonnenklar feststellt: ‚Wir leben nicht hinter dem Mond‘. Das stimmt, denn da wäre es bitterlich kalt, wie der Sänger Jan Delay weiß: ‚Ja, die Flammen im Herzen die sind durch nichts zu ersetzen. Darum halt sie am Laufen mit aller Gewalt!!‘ Gewaltig abgeblitzt seien laut Hoppel die Raiders bei Clinton Graham. Die waren versucht davor schon den Vikings Runningback an den Inn zu holen. Violette Rachegefühle, einmal fast zugegeben.

Der gemütliche Teil

Hören wir auf mit diesen kritischen Betrachtungen und widmen wir uns angenehmeren Dingen zu. Die NÖN Klosterneuburg (Ausgabe 21. Februar) veröffentlichte eine ‚Meinungsschilderung‘ in Form eines Interviews mit Dragons Headcoach Ivan Zivko über deren Neuzugänge. Da geht es weitgehend gesittet und freundlich zu. Zivko erklärt darin die ‚Aufweichung der ursprünglichen Idee, eigene Spieler zum Einsatz kommen zu lassen‘ mit dem Umstand, dass es nun bereits fünf Legionäre gibt, so, dass man ‚einerseits versucht wettbewerbsfähig zu sein‘, andererseits will man ‚unseren Leuten eine Chance geben‘. Ein Spagat, der als solcher auch zu einer Zusatzfrage des NÖN Reporters Martin Stojaspal führte: ‚Heißt das, auf Legionäre wird man nie verzichten können?‘ Zivko sieht im Abbau der Legionäre einen ‚langsamen Prozess‘.

Abschließend stellte Zivko fest, dass die ‚Dragons Neu anders aussehen werden‘ und ’nichts überstürzen wollen. Früher wurden die Ziele manchmal zu hoch gesteckt‘. Womit er mit Letzterem vermutlich nicht ganz Unrecht hat.

Hoch wie nie

Sie, liebe Leser, sollten ihre Ziele aber hoch stecken. Noch nie wurde über ‚unseren Sport‘ in der Off-Season so viel geschrieben wie heuer. Lesen sie ihre Lokalzeitungen, die ‚Bezirkstratsche‘, die Postwurf-Gratis-Zeitung, denn überall dort könnte mittlerweile auch etwas über Football zu lesen sein. Wir geben offen zu uns auch über solche Medien zu informieren – ein normaler Vorgang im Medien Business. Umgekehrt dürfte der Fall viel öfter eintreten, aber eine Grazer Online-Zeitung kannte den neuen Giants Quarterback schon zwei Tage vor uns – das sollte uns Hoffnung geben nicht allein zu sein.

Trotzdem war es noch nie so sinn- und wertvoll ein Football-Austria.com-Abo zu besitzen wie heute, wie unsere Berichterstattung in den letzten Wochen wohl eindrucksvoll bewiesen hat. Warten Sie mal ab was hier abgefeuert wird, wenn die Saison mal losgeht!

Mein Ihr

Walter H. Reiterer
Chefredakteur
[email protected]

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