Endspiele sollen die ikonischen Tage einer Sportart sein. Das Spiel um den Titel soll ein Sinnbild für den ganzen Sport sein, und die langwierige Qualifikation soll sicherstellen, dass sich nur die Besten der Besten dort begegnen. Die beiden Kontrahenten sollen das beste Spiel, den größten Willen und die größte Leidenschaft aufbringen. Sie sollen in all diesen Fragen außerdem ebenbürtig sein, denn nichts ist enttäuschender als zu eindeutige Finali. Die Eurobowl XXIV war so betrachtet ein perfektes Endspiel, bot sie zwei starke Teams auf Augenhöhe, großartige Stimmung vor Ort, tolle Spielzüge in allen drei Spielphasen und bei beiden Mannschaften – und einen Spielverlauf, der bis zur letzten Sekunde nichts zu wünschen übrig ließ.
Die Vienna Vikings hatten dabei die Unterstützung von 5.000 Zusehern auf der Hohen Warte im Rücken, und die wolkenlose Mittagshitze versprach uns eigentlich, dass die Berlin Adler physisch in der zweiten Hälfte Schwierigkeiten bekommen könnten. Auch spielten die leicht favorisierten Adler ohne ihren Nationalteam CB Mario Schmitt (gerissenes Kreuzband). Die Vikings waren somit in einer perfekten Ausgangslage: Als leichter Außenseiter nach einer durchwachsenen Saison und mit perfekter Publikumsunterstützung hatten sie eigentlich nichts zu verlieren.

Und genau so starteten die Vikings auch ins Spiel. Die Defense, die zuletzt Probleme hatte, aktiv das Spielgeschehen zu diktieren? Wie ausgewechselt. Schon der zweite Passversuch von Kyle Callahan (15 von 27 für 219, 1 TD und 2 INTs) wurde von Chauncey Calhoun abgefangen, der nicht nur in der Offense sein Unwesen trieb. Aber schon im Gegenzug wurde klar, dass hier nicht nur eine Top-Defense am Spiel teilnahm: Ein schöner Lauf von Josiah Cravalho (13 für 51) endete mit einem heftigen Hit von Adler LB Pat O‘ Neil (10.5 Total Tackles, davon 2 für 12 TFL und 1 FF): Den Fumble eroberten die Adler, und drei Spielzüge später meldete sich der andere Offense-Star der Berliner zu Wort: Talib Wise (20 für 111 und 2 TDs) lief 24 Yards weit in die Endzone zur Berliner Führung.

Aber direkt im Gegenzug wollten die Vikings sich nicht aus dem Konzept bringen lassen: Trotz des Fumbles wurde das Laufspiel forciert, auch LB Chris James durfte den Ball tragen – wie gegen die Dragons zuletzt im AFL Playoff. Er bedankte sich mit einem 5-Yard TD zum 7:7. Danach übernahmen die Defenses das Spiel und nach einem missed FG von Scharweit und einem Punt warf Callahan am Anfang des zweiten Viertels seine zweite Interception: Mike Brannon legte ganze 67 yards dank gutem Blocking und großartiger Laufleistung zurück und machte aus der INT einen pick six: 14:7. Zu diesem Zeitpunkt sind die Vikings die bessere Mannschaft, die Adler wirken nervös und leicht unkoordiniert, Bad Snaps und Drops sind keine Seltenheit und nach einem Scharweit FG zum 14:10 gelingt es der Defense nicht, sich auf Christoph Gross (11 von 19 für 140 und 2 TDs) einzustellen: Er findet Chauncey Calhoun (6 für 84 und 2 TDs receiving) auf einem kurzen Screenpass, und Calhoun trägt den Ball an der Defense vorbei zum 21:10. Zwei Scores Unterschied und Momentum auf ihrer Seite: Es sah zu diesem Zeitpunkt aus, als ob die Vikings hier die Oberhand behalten würden.

1:42 vor Halbzeit aber ein spielentscheidender Moment: Die Adler erhielten den Ball an der eigenen 7-Yard-Line und Kyle Callahan war klar, dass dieser 2-Minute-Drill entscheidend sein wird für die Motivation seiner Mannschaft. Er passte und lief selber (Callahan 9 für 85 und ein 1 TD on the ground) zur Mittellinie, bevor er Thomas Emslander (2 für 60 und 1 TD) an der Sideline fand, der großartig seine Balance hielt, nicht out of bounds ging, und das Ei 47 Yard weit in die Endzone trug. 93 Yards in 60 Sekunden, die Adler waren mit dem 21:17 wieder im Spiel.

In Hälfte zwei waren die Adler deutlich motivierter und – in Anbetracht der Hitze etwas überraschend – agiler. Eine Umstellung in der D-Line machte den Vikings-Lauf plötzlich beinahe inexistent (35 Yards in Hälfte 2) und legte die Last des Spiel auf Gross‘ Schultern. Gross spielte an sich eine fehlerfrei Partie, hatte aber die 3rd Downs leichte Schwierigkeiten, auch weil irgendwann klar war, dass er fast nur auf Calhoun wirft bei 3rd & Long. Die Adler Offense schloss ihren ersten Drive in der zweiten Halbzeit ähnlich effektiv ab wie den letzten der ersten: acht Plays brauchten sie für 65 Yards, und Talib Wise ließ die Vikings Redzone Defense etwas unkoordiniert aussehen, als er durch die Mitte seinen zweiten TD erlief. 21:24 aus Sicht der Vikings, die zu diesem Zeitpunkt aufwachen mussten, um ein Spiel, wo sie schon 11 Punkte Vorsprung hatten, nicht aus der Hand zu geben. Gross antwortete mit einem schönen Drive, den er mit einem TD auf Calhoun abschloss: 28:24.

Die Adler ließen sich aber nicht aus der Fassung bringen, und antworteten mit einem super Kickoff Return von Wise und einem kurzen 3-Play-Drive, den Callahan selbst mit einem schönen 24-Yard-Lauf abschloss. Im offenen Schlagabtausch führten wieder die Adler: 28:31 aus Sicht der Vikings. Die Adler variierten in der Phase ihre ansonsten fast durchgehend verwendete Pistol Formation indem sie Cedric Macia immer wieder offset neben Callahan aufstellten und somit der Vikings Defense eine weitere Option zum im-Auge-behalten aufzwangen. Das Vikings Playcalling hingegen wurde immer eindimensionaler und so lag es an der Defense, dieses Spiel für sie zu gewinnen. Im vierten Viertel ging Callahan mit einer Verletzung kurz vom Feld und Backup Tobias Brüning warf sechs Minuten vor Schluss eine Interception auf Calhoun, die die #1 bis zur Adler-11-Yard-Linie zurücktrug – seine zweite INT in diesem Spiel. Drei Versuche später schafften es die Vikings aber nicht, in die Endzone zu gelangen, und so konnte Peter Kramberger nur mit einem FG den Ausgleich erwirken: 31:31. Knapp fünf Minuten vor Ende waren die Weichen für ein denkwürdiges Finish gestellt.

Mit Callahan wieder zurück am Feld ließen die Adler geschickt die Uhr runterlaufen und arbeiteten sich bis zu einem 3rd & 7 an der Vikings 40-Yard-Line vor. Callahan lief daraufhin selber, schaffte nicht das 1st Down, und brachte den Ball zur 35er, was seinem Kicker die kommende Aufgabe deutlich erleichtern sollte: Ein 52 Yard Field Goal Versuch, der über Sieg oder Verlängerung entscheiden sollte.

Eine Sekunde vor Ende nahmen die Adler ein Timeout, um den Vikings ja keine Chance auf eine Antwort zu geben. Die Vikings selber nahmen dann auch ein Timeout, um Scharweit zu icen – was in der Hitze anscheinend genau das war, was er brauchte. Im zweiten Anlauf und scheinbar ohne jedwede Erinnerung daran, dass er schon einen 46-Yarder an dem Tag zu kurz gekickt hatte, ließ sich Scharweit nicht aus der Ruhe bringen; das Stadion verstummte während der Ball seine ewige Flugbahn antrat und knapp über dem horizontalen Torpfosten durchsegelte. 34:31 aus Sicht der Adler, ein schier unwirkliches Finish für eine hochklassige Partie, die nichts Geringeres verdient hatte, als genauso denkwürdig auszugehen, wie sie verlaufen ist.

Scharweit wurde daraufhin natürlich zum MVP gewählt, aber im Großen und Ganzen muss man der gesamten Adler-Mannschaft zu diesem spektakulären Sieg gratulieren. Sie haben das nötige getan, um eine sehr gut spielende Vikings-Mannschaft zu besiegen, und die Vikings, die lange Zeit die bessere Mannschaft waren, scheiterten am Ende am fehlenden Laufspiel und einem überirdischen Kicker. Aber derartig knappe und ausgeglichene Spiele gehen je nach Wind und Tagesverfassung mal so, mal so aus. Die Leistung der Vikings stand im big picture der der Adler um nichts hinterher, und beide Teams spielten mit Leib und Seele um den Sieg mit.

Wir sahen also die einzige Heimniederlage der Vikings heuer, und den ersten Auswärtssieg in der Eurobowl seit 2002. Wir sahen Chauncey Calhoun, der zwei TDs, zwei INTs und fünf First Downs fing. Wir sahen gute Defenses, und wir sahen ein 52-Yard game deciding field goal, was sogar in der NFL Seltenheitswert hat. (Das letzte, an das ich mich erinnern kann, ist das von Nate Kaeding gegen die Bengals letztes Jahr. Keine schlechte Gesellschaft, Hr. Scharweit, keine schlechte Gesellschaft…) Wir sahen die ersten nicht-österreichischen Eurobowl-Sieger seit sieben Jahren. An Tagen wie diesen, wenn zwei derartig ebenbürtige Gegner sich so einen Schlagabtausch um die Krone des europäischen Vereins-Football liefern, hat man oft das Gefühl, dass für beide Teams der Sieg okay gegangen wäre. Was, wie anfangs erwähnt, wirklich großartige Endspiele eben auszeichnet.
Marko Markovic ist Redakteur bei Football-Austria.
Sie erreichen ihn unter [email protected]

EFL Euro Bowl XXIV
1.QT
2.QT
3.QT
4.QT
TOTAL
VIK vs. ADL
7:7
14:10
7:14
3:3
31:34
July 4th 2010 | 2pm CET
Casino Stadium Hohe Warte | Vienna

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