FA: Wie geht es Ihnen am Tag nach der Trennung von den Raiders?
Santos Carillo: Wie es jemanden geht, der gerade gefeuert wurde. Nicht gut. Ich versuche das zu verarbeiten. Es fällt mir schwer. Ich bin sehr überrascht über die Entwicklung.

Offiziell klingt das bei den Raiders anders. Sie, Johansen und die Raiders wären zu dem Entschluss gekommen, dass es das beste wäre sich zu trennen.
Ja, ich kenne das. Jemand hat mir das Statement des Vorstands übersetzt.

Stimmt es, dass die Trennung demnach von beiden Seiten einvernehmlich gekommen ist?
Nein. Wenn du gefeuert wirst, dann bist du in der Regel damit nicht einverstanden. Und ich wurde gefeuert! Das war nicht einvernehmlich. Ich wollte bleiben. Wir hatten nicht gerade die beste Saison heuer, aber ich wollte meinen Vertrag bis Ende 2011 in Innsbruck erfüllen und habe zu meinem Abgang niemals mein Einverständnis gegeben. Ich wurde rausgeworfen.

Wie lief das ab?
Direkt nach der Niederlage in der Austrian Bowl bot ich unserer Präsidentin Elisabeth Swarovski meinen Rücktritt an, den sie ablehnte. Sie sagte, ich wäre der Head Coach und würde das auch bleiben. Ich ging dann davon aus, dass ich mich nach der EM direkt der Saisonvorbereitung widmen werde, die ich anders gestalten wollte. Denn Veränderungen sind nötig, das war uns allen klar. Kurz nach der Austrian Bowl kamen dann erste Gerüchte auf, dass ich doch meinen Job verlieren könnte. Ich erfuhr es dann am Telefon von Elisabeth Swarovski, die gerade auf Urlaub war, dass ich gefeuert bin. Sie wäre dagegen gewesen, aber der Vorstand hätte sich mehrheitlich für meinen Abgang ausgeprochen. Ich war von den Socken, denn keiner im Vorstand sprach mit mir Angesicht zu Angesicht darüber. Ich versuchte danach den General Manager (Anm.: Daniel Dieplinger) zu erreichen, er hob nicht vom Telefon ab. Da musste ich mich mal setzen und tief durchatmen, denn damit habe ich in der Form überhaupt nicht gerechnet.

Welche Gründe waren ausschlaggebend?
Es wären viele Kleinigkeiten gewesen, die sich summiert hätten. Zwei größere Dinge wurden angeführt: die Niederlage in der Austrian Bowl und dann noch – und das haute mich um – sagte Günther Köfler (Anm.: ein Vizepräsident der Raiders), dass die Spieler mich nicht mehr als Coach haben wollen. Ich hab mir danach den Kopf zerbrochen, denn ich coache diese Leute ja auch noch in der Nationalmannschaft und für mich war das völlig neu. Ich suchte danach den Kontakt zu Spielern und fragte sie. Ich hörte nur: »Coach, wir waren’s nicht. Wir haben das nicht gesagt!« Das ist für mich das Ärgste an der Sache. Ich war fünf Jahre bei den Raiders. Wir hatten sportlich sehr erfolgreiche und auch weniger erfolgreiche Zeiten und nach all der Zeit sagt man mir, dass die Spieler mit mir nicht können!? Nach fünf Jahren kommt man erst darauf? Ich kaufe das ihnen nicht ab, wenn es auch ein wenig nach Selbstschutz riecht, aber ich glaube die Basis und das Vertrauen zu einer großen Mehrheit der Spieler in dem Team ist nach wie vor da. Denn es hat sich nichts verändert. Das hätte ich in den letzten fünf Jahren irgendwann mal bemerken müssen, dass ich eigentlich unerwünscht bin.

Man hört große Enttäuschung in diesen Worten…
Natürlich. Ich war sehr lange hier in Tirol dabei und wir haben ja auch gemeinsam einige Titel gewonnen in der Zeit. Ich war auch Head Coach der zuletzt wieder so erfolgreichen Junioren und des Raiders 2-Programms. Ich fühlte mich als Teil des Ganzen. Und das was mir jetzt passiert und vor allem wie es passiert, das tut mir sehr weh. Nicht nur weil ich Jobs abgelehnt habe wegen den Raiders, darunter auch einen in Oakland, sondern weil niemand die Stirn hatte, mit mir face to face zu reden und mir hingeworfen wird, dass die Spieler mit mir nicht mehr können und dieses Verhalten für mich unprofessionell und respektlos ist. So kenne ich die Organisation nicht, die bislang nur respektvoll und professionell war. Ich weiß nicht, was passiert ist. Eventuell ist es die Enttäuschung über die verlorene Austrian Bowl, die so groß ist.

Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?
In Summe halte ich den Rauswurf nicht gerechtfertigt. Die Geschichte mit den Spielern, die mich nicht wollen, das wäre ein Grund, das stimmt aber nicht. Hier wird gerade das Prinzip NFL über eine Amateurmannschaft gestülpt. Eher sogar noch mehr, denn: Gewinnst du keinen Titel – bist du gefeuert. Ich halte das für falsch, denn zum einen haben wir zuvor viel gewonnen und zum anderen findet das Jammern über den Status Quo auf sehr hohem Niveau statt. Wir haben im Finale gegen das beste Team des Grunddurchgangs verloren. Das ist für uns nicht erfreulich, aber es ist auch Sport. Ja, wir haben sicher Fehler gemacht, aber wir erkennen sie auch und lernen daraus. Wenn dafür in Zukunft kein Platz mehr ist, für einen Lernprozess, für eine Entwicklung und auch für Niederlagen, die im Sport dazugehören, dann wird die Luft und der Handlungsspielraum für alle Beteiligten sehr dünn.

Wie stark betrifft das nun auch das Nationalteam, in dem sie ja auch coachen?
Ich versuche mich auf die Aufgabe zu konzentrieren und will mit dem Team Austria in Frankfurt den Titel holen. Das hat jetzt oberste Priorität. Natürlich beeinflusst mich der Rauswurf bei den Raiders, da ich viel über mich selbst nachdenke – ob ich will oder nicht. Was werde ich nach der EM tun? Wie geht es weiter? Die Situation ist schwierig, aber ich versuche sie zu meistern und vor allem die Mannschaft mit meinen persönlichen Problemen nicht zu belasten. Leute kommen aber natürlich auf mich zu und fragen was los ist und wie es mir geht. Wenn wir dann auf dem Weg nach Deutschland sind, ist das alles hoffentlich weg und es geht nur mehr um eines, nämlich um diese Championship. Die will ich haben!

Wie man hörte, müssen Sie bis 31. Juli auch aus ihrer Wohnung in Innsbruck ausziehen?
Zuerst hieß es das, ja. Nur ich bin bis dahin ja in Frankfurt. Wie soll das gehen? Die Raiders boten mir nun an, dass ich so lange bleiben kann, wie ich benötige, wofür ich auch dankbar bin, denn ansonsten hätte ich nicht nach Deutschland mitfahren können. Ich werde nach der EM dann so bald wie möglich ausziehen.

Wohin? Welche Pläne haben sie allgemein?
Nicht in die USA. »I don’t wanna go home.« Ich möchte in Europa bleiben, am liebsten in Österreich. Ich mag das Land und die Menschen und hier wird so ganz nebenbei auch sehr guter Football gespielt. Ich werde also versuchen einen Job als Coach in der AFL zu bekommen. Falls das nicht funktioniert, werde ich mich in Europa um einen Posten umschauen. In die USA kann ich jetzt nicht, da die College Saison ‚ready to go‘ ist und alle Posten bereits besetzt sind.

Sollten sie in Österreich bleiben, ist das Nationalteam dann noch ein Thema?
Das habe ich nicht zu entscheiden, aber für mich auf jeden Fall. Das coachen im Nationalteam macht sehr viel Spaß, da du mit Spielern von verschiedenen Teams zu tun hast. Für meinen Teil, wäre ich gerne weiterhin ein Teil des Coaching Staffs.

Sie haben viel von Veränderungen gesprochen. Eine Hypothese: Wären Sie 2011 noch Head Coach der Raiders, was würden sie ändern?
Zum einen unsere Vorbereitung. Wir beginnen zu früh zu hart zu trainieren. Bereits im September starten mit drei vollen Trainings die Woche. Ich hätte hier zu Beginn alternative Trainingsmethode angewandt, eventuell auch mit Yoga und ähnlichem gearbeitet, mit Übungen die die ‚flexibility‘ der Spieler fördert, mit einem Training, welches sie auch unterhält und danach erst die Einheiten auf Physis und Athletik angezogen. Zum anderen hätte ich bei der Auswahl der Legionäre andere Beurteilungskriterien eingeführt. Um mich nicht falsch zu verstehen: Marquay (Love), Leon (Jackson) und Tory (Cooper) sind hervorragende Spieler, aber anders wie im letzten Jahr, als wir mit Jason (Johnson) und Matt (Epperson) echte Teamleader hatten, blieben die US-Amerikaner heuer lieber unter sich und haben sich vermutlich auch nie richtig mit dem Team verbunden gefühlt. Das geht nicht. Die Kritik richtet sich da aber weniger an diese Spieler, als an uns, die wir schon hier sind. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass wir Spieler auswählen, die ins Gefüge reinpassen und dann auch alles dafür tun, dass sie mit dem Rest der Mannschaft zu einer Einheit werden. Das ist uns 2010 nicht so gut gelungen wie das Jahr zuvor noch.

Das Gespräch mit Santos Carillo führte FA Chefredakteur Walter Reiterer.
Sie erreichen ihn unter [email protected]

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