nstatt die Gratis Tickets an ausgesuchten Plätzen aufzulegen, packt man nun die Gießkanne aus und beglückt 30.000 Innsbrucker Haushalte auf postalischem Weg mit Familienkarten. Die Raiders sehen darin eine wichtige Aktion um den Football Sport in Innsbruck bekannter zu machen. Wie lange noch?, fragt sich Walter H. Reiterer und erkennt darin nicht mehr als einen weiteren Schritt Football in Tirol langfristig einer wirtschaftlichen Entwertung zuzuführen. Ein Kommentar zum Gratis Exzess der Freibeuter.
Früher war alles besser
Historisch gesehen können die Raiders gar nicht mehr anders. Vor einigen Jahren, wo das Verschenken von Karten noch allgemein als anerkanntes, weil funktionierendes Marketinginstrument galt, waren auch die Raiders schon mit dabei. Während man anderswo aber schwerpunktmäßig agierte und ein Verschenken immer mit einer „Aktion“ (Verlosen – Beschenkte sind Gewinner!) verbunden war, gab man in Innsbruck die Karten oft bar jeder (medialen) Gegenleistung raus. Hauptsache weg sind sie. Wenn die Karten der einen in Radiosendungen, Online Plattformen und Zeitschriften in geringer Stückzahl einem Gewinnspiel zum Opfer fielen, fristeten jene der Raiders ein relativ sicheres Dasein, weil lagen Sie, oft als Flyer verwechselt, in Hotellobbys, Bahnhöfen, bei Elektrofachhändlern oder auch beim Würstelstand in Paketen auf. Zur freien Entnahme. Während der eine Weg als einer von vielen Alternativen gesehen wurde um Werbung für ein Match (Event) zu betreiben, war der andere von vorne herein als Einbahn vorgegeben. Wer hat noch nicht – wer will noch mal? Wer dann noch Eintritt bezahlt hat, war entweder ein „echter Fan“ oder unwissend, z. B. im Fanbus des Gegners sitzend, nichts ahnend vom frei in der Stadt herumliegenden Kartenkontingent.
Zu sagen sei aber noch, dass die Tiroler hier eine andere Strategie verfolgt haben, bzw. leider noch immer verfolgen. Es ging gar nicht mal darum mit Freikarten zwingend Medienwirksamkeit zu generieren, sondern generell mal Leute ins Stadion zu bekommen. Ein Versuch, der zum Teil auch das gewünschte Ergebnis erbracht hat. Man wollte die Leute grad mal „heiß machen“ auf Football und mit der Freikarte als Gaul die Sponsoren in die Herzen der Zuschauer reiten lassen. Das ist allerdings nun schon eine längere Zeit her und spätestens nach dem Gewinn der Austrian Bowl im Jahr 2004, hätte man eigentlich meinen sollen, dass die Fans nun zumindest sehr erwärmt wären. Das sahen die Raiders nicht so und verschenkten auch im letzten Jahr ihre Tickets mit teilweise ebenso wilden Verschüttungsaktionen. Aus der Einbahn wurde dadurch eine lange Sackgasse. Gibt es da noch eine Ausfahrt?
Freeware 2006
Heuer wird sich nichts ändern. Ganz im Gegenteil, denn Football in Tirol wird mit der flächendeckenden Verteilaktion endgültig zur Freeware. Alle Updates gratis inklusive. Dieses Marketingkonzept ist nicht neu (der Erfolg des Microsoft Betriebssystems Windows beruht zu einem erheblich Teil darauf, dass es einem PC Käufer nichts kostet), nur wer verkauft den Computer bei diesem Handel? Die Antwort: PC gibt’s gar keinen.
Was keinen Preis hat, hat keinen Wert
Ein altes, angeblich weises Sprüchlein von Gewerbetreibenden. Es ist aus einer wirtschaftlichen Sicht beinahe unumstößlich. Selbst wenn man jemanden hat (eine Stadt, einen Sponsor, einen Mäzen) der einem sein Produkt tatsächlich abkauft (und man selbst als Erzeuger rein finanziell aus dem Schneider ist), es danach aber an Endkunden verschenkt wird, hat es, weil der Verbraucher nichts davon spürt in seiner Geldbörse, für die Mehrheit keinen finanziellen Wert. Man kann damit ins Stadion gehen, oder es auch zu einem Papierflieger falten und aus dem Fenster werfen, weil ja genug von dem Zeug herumliegt. Es ist wie Luft – einfach da, aber nicht ganz so lebensnotwendig. Das hat langfristig eine negative Auswirkung auf das Produkt. Es wird keinen Wert mehr bekommen. Fatal in dem Moment, wo einem der Zwischenhändler abhanden kommt und man dem Kunden klar machen muss, dass es eigentlich Geld gekostet hätte. Diese (Mehrheit) wird, wenn es sich nicht um etwas Lebensnotwendiges handelt, sich nicht mehr umerziehen lassen. Zu lange gab es das gratis, zu lange die Zeit der Gewöhnung. Entzugserscheinungen sind dann die fromme Hoffnung des neuen Dealers.
Nicht alles was einen Wert hat muss auch einen Preis haben
Mit diesem schönen Ambros Zitat könnte man dem ersten Spruch etwas entgegenhalten. Nur sind es dann schon immaterielle Dinge die hier besungen wurden. Ganz sicher meinte er damit nicht schnöde Tickets (die ließ er lieber verkaufen), sondern (no na) Liebe, Zivilcourage und andere zu verlieren glauben gehende Werte besorgter junger Menschen der 70er Jahre. Als er das Lied (A Mensch möcht i bleibn – 1974) damals intonierte, lauschte ihm bereits eine kleine Gemeinde und gemeinsam hatte sie eines: eine gekaufte Eintrittskarte für das Konzert. Stimmung, Enthusiasmus, Spannung, Hingabe etc. etc. usw. usf. muss man erleben. Oft per Zufall und selbst erzeugt.
Der Mehrwert, der dann also generiert werden soll/kann ist (für Sponsoren) das Bild eines gut gefüllten Stadions und das Pferdchen Freikarte. Hü hott! Das ist was bleibt von all dem oben. Dieses Konzept steht auf ganz dünnen Beinchen und entwickelt sich zum Hoax. Eine Geschichte die am Ende nicht hält, was sie am Beginn versprochen hat.
Für Veranstalter ein No No
Ein Zeichen dafür, dass diese Politik kurzsichtig ist, war die Reaktion des nunmehr ehemaligen Austrian Bowl Veranstalters Opus Marketing. Als jener von uns erfuhr, dass das Endspiel in Innsbruck stattfinden soll, waren es genau diese Argumente (Leute sind an Freikarten bereits gewöhnt) warum jene sich eine Austrian Bowl am Tivoli so ganz und gar nicht vorstellen konnten. Hier müsste etwas Gravierendes passieren und Innsbruck wurde als Risiko eingestuft.
Schwarzpause
Ganz verstehen mag man das Vorgehen der Innsbrucker hier nicht, denn waren sie stets versucht dem Vorbild Vikings nachzueifern. Was sie natürlich nie zugeben werden, aber genau dieses copy/paste Prozedere hat sie (fast) so erfolgreich gemacht. Die Nachwuchsarbeit wurde forciert, mit Imports den Vikings gleichgezogen, einen Ganzjahrescoach verpflichtet. Zuletzt hat man, nachdem die Wiener vor einem Jahr bereits mit Peter Kramberger als Voresser in Erscheinung traten, auch Mario Rinner in einen Burger beißen lassen. Das Sujet erinnert stark an jenes der Wikinger. Die Raiders sind also jederzeit für eine Schwarzpause des violetten Originals gut, ebenso für ein Déjà-vu in die selbe Richtung. Haben die Vikings ihren Purple Burger King am Wiener Gürtel, brauchen die Raiders ihren eigenen am Innsbrucker Bahnhof. Soll so sein, auch wenn manche darüber ein wenig schmunzeln müssen. Wo man sich dann aber grob unterscheidet ist beim Verhalten an der Kassa. Fall Sie jemals das Vergnügen hatten einen Workshop mit diesem Titel zu besuchen, dann wissen Sie auch, dass hier allerhand falsch läuft. Möchten Sie noch Popcorn zu ihrem Gratis Ticket, welches sie natürlich auch nicht zahlen müssen? Next Step? Was dürfen wir Ihnen zahlen, wenn sie aufs Match kommen?
Anderes Extrem Wien
Ganz anders agieren hier die Dodge Vikings. Freikarten sind Mangelware und werden, wenn überhaupt, dann vereinzelt verlost. Eine flächendeckende Gratisverteilung wäre völlig unvorstellbar, sind die Eintrittsgelder denn nicht nur ein Teil des Gesamtbudgets, sondern stellen auch noch etwas anderes dar. Wir sind als Verein Geld wert. Was wir machen, wie wir es machen, ist Geld wert. Das wollen die Wiener ihrem Klientel damit sagen und: Sie haben damit Erfolg. Seit Jahren. Das Publikum muckt nur in Einzelfällen über Monetäres auf, hat sich daran gewöhnt und erkennt die Eintrittspreise meistens als gerechtfertigt an. Die Vikings verlangen mittlerweile bei allen Matches einen gar nicht so geringen Obolus. So beim Nachwuchs, oder auch am kommenden Sonntag beim Vorbereitungsmatch des T2 gegen die Gladiators. 10 Euro falls sie über 16 sind, 5 Euro zwischen 6 und 16 Jahren und alle unter 6 dürfen gratis rein. Davon sind die Raiders nicht bloß ein Stück entfernt, sondern dort werden sie, von sich aus und auf dem Weg, nie ankommen.
Tausende oder gar Abertausende Zuseher?
Verbandspräsident Michael Eschlböck lobte voriges Jahr (EFL Halbfinale) noch vor Ort am Tivoli die tolle Kulisse. Die Raiders selbst sprachen danach von einem Zuschauerrekord. Vergessen zu erwähnen hat man, daß nur ein Bruchteil der Zuseher Eintritt bezahlt haben. Bei der Mehrheit handelte es sich um Zaungäste, die halt vor den Zaun kamen, weil es dort auch umsonst war – im wahrsten Sinne des Wortes. Im Fernsehen war nichts Aufregendes, es war zu kalt für das Freibad, aber zu warm um daheim zu bleiben. Das war aber noch nicht alles was daran ein wenig verdächtig roch. Aus den knapp 2500 Zuschauern konstruierte man 3900 und der Publikums-Krösus Vikings Vienna sei überholt worden. Das Schwindeln mit den Zuschauerzahlen ist weder etwas Neues noch etwas Footballspezifisches, dafür allgegenwärtig. Querbeet. Auch beim Fußball werden in Presseaussendungen aus 830 schnell 1000, aus 3600 schon mal 4200 Zuseher, weil ein wenig Schummeln hier von der Presse bereits mit eingerechnet wird, bzw. 15% automatisch abgezogen werden. Manchmal macht man sich selbst die Mühe und stellt eine grobe Rechnung an: Sitzreihen x Sitzplätze x Sektoren. So passiert an dem Tag bei jenem Match. Nicht schlecht gestaunt habe ich, als die Raiders auf die geschätzten 2500 Zusehern noch mal 1400 drauf packten. Da muß ich mich wohl grob verrechnet haben. Einen Tag danach hab ich anhand von Foto- und Videomaterial und dem Sektorenplan des Stadions die Rechnung wiederholt. Das Ergebnis blieb dasselbe. Die Raiders sagten mir damals ich hätte mich verrechnet und ich ließ die Sache damit auf sich beruhen. Erinnerung an so manche Blase, zu Zeiten kurz bevor Firmen und Ideen reihenweise an der Mauer der New Economy zerschellten, wurden bei mir trotzdem wach. Was will man damit erreichen, außer falscher Publikumsmeister zu werden?
Nicht nur dass man jetzt den Tiroler Haushalten die Tickets ungefragt (Hallo Streuung?) in den Briefschlitz steckt um weiter Publikumsmeister zu bleiben, kann man selbst mit solchen Aktionen die Spitze tatsächlich nicht übernehmen. Die meisten Zuschauer waren 2005 am Sportklubplatz. Punkt. Diese haben sogar bezahlt. Daran wird sich 2006 vermutlich nichts ändern, außer der Location in Wien. Auch dann nicht, wenn man der Zahl der Tiroler Gratiskarten noch eine Null hinten anhängt. Es kommen keine 30.000, sondern vielleicht ein Zehntel davon. Der Kern der tatsächlichen Fanschar der Swarco Raiders Tirol ist dann leider überschaubar und wurde einem bei den letzten beiden Austrian Bowls knallhart vor Augen geführt. Das hat man sich zu einem erheblichen Teil selbst zuzuschreiben. Denn Funkenflug hat man mit Dauer Gratiskarten verhindert. Jedes kleine Feuer damit im Keim erstickt. Die Stimmung des Publikums am Tivoli spiegelt gerade bei Niederlagen eine gewisse Wurschtigkeit wider. Egal, es hat eh nix kost. Das Publikum erscheint mehrheitlich 5 Minuten vor dem Kick Off (Last Minute Entscheidung aller die Karten geschenkt bekamen) und verabschiedet sich manchmal schon während des letzten Viertels, wenn der Käse gebissen ist. Spätestens 5 Minuten nach Ende des Matches ist man mehrheitlich wieder auf der Straße. After Game Parties finden im kleinen Kreis statt. Die wenigen, die sich tatsächlich mit dem Verein identifizieren wollen, „feiern“. Darunter die braven Naked Raiders, die oft das Problem haben die 12 Oberkörper für die Buchstaben zusammenzutrommeln, die Spieler, Coaches, Ex-Spieler und Funktionäre und eben auch die Presse, welche die sportliche Arbeit der Raiders, trotz Niederlagenserie gegen die Vikings hoch einschätzt. Es ist eh nicht so, dass es so toll wäre, dass sich jemand traut dafür Geld zu verlangen, denken sich jene, welche schon lange wieder zu Hause sind. Wobei das Maskottchen als Flash Animation auf der Webseite hier dazu nur einen Satz sagt, der aber Bände spricht. Be there, or stay at home. Man läßt ihnen sogar bei Freikarten noch die Wahl nicht zu erscheinen. Mutlosigkeit.
Dieses ganze Unternehmen unter dem Motto „Fanwerbeaktion“ welches nun bereits seit Jahren in unterschiedlicher Intensität andauert (wie lange noch?), stellt daher aus all diesen Gründen eine Entwertung des an sich großartigen Produkts Football dar. Es hat sogar Auswirkungen weit über die Grenzen Tirols hinaus, denn warum, so wird sich vielleicht ein Grazer, Klagenfurter, Hohenemser fragen, muss ich Eintritt zahlen, wenn der Vizemeister es gratis macht? Weil er eben sich selbst in diese Sackgasse manövriert hat. Höchste Zeit für die Raiders hier umzukehren und endlich mit der Wahrheit auf den Tisch zu kommen. Ansonsten nimmt man sie zwar als Footballverein wahr, aber als Champion nicht ernst. Ein solcher hat, nach rund 25 Jahren Footballgeschichte in Österreich, einfach zahlende Fans, die den Verein auch dann unterstützen, wenn nicht mehr alles umsonst ist. Erst dann wird man einen Veranstalter für Austrian Bowls finden, der sich auch traut diese in Innsbruck über die Bühne gehen zu lassen. Vorher wird der, zu seiner eigenen Sicherheit, einen weiten Bogen um das Tivoli Neu und die Raiders schlagen.

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