Ein Machtwechsel an der Donau, der sich schon länger abgezeichnet hat. Von Marko Markovic.

Im Vorfeld dieses AFL Playoffs gab es etliche Spannungen in dieser herbeikonstruierten Rivalität. Fans beider Seiten waren unzufrieden mit den Vorgängen auf und abseits des Feldes, und die 28:3 Deklassierung vor zwei Wochen stellte schwerwiegende Fragen: Sind die Dragons 2010 erstmals als Sieger des Grunddurchgangs der AFL in der Lage auch im großen Spiel die Vikings von ihrer Vorherrschaft an der Donau zu stürzen? Oder werden die Vikings wieder einen mentalen Zaubertrick vollbringen und in den Playoffs richtig aufblühen?

Einen leichten Hauch der aufgestauten Animosität zwischen den beiden Teams spürte man schon vor dem Kickoff. Die Vikings entschieden sich, nicht einzulaufen, was in der AFL seit 2003 nicht mehr passiert ist. Sie standen stattdessen als geschlossenes Team an der Gegengeraden und sangen Seven Nation Army, bereit, erstmals in ihrem Bestehen die Blue River Bowl nach Wien zu holen. Und genau so fingen sie das Spiel dann auch an: Im ersten Viertel waren die Vikings spritzig, dynamisch und aktiv. Gleich der erste Drive führte via einem Draw, bei dem die Dragons kurz vor Snap noch auf verhängnisvolle Man-to-Man-Coverage umstellten, zu einem TD von Josiah Cravalho (13 für 117 und 1 TD). Dies machte deutlich: Das Vikings Laufspiel war (nicht so wie in Blue River Bowl III) ein maßgeblicher Faktor in diesem Spiel. Die Dragons mussten aufwachen, und zwar schnell.

So ganz gelang das mit dem ’schnell‘ nicht. Die Vikings special teams dominierten die Dragons unerbittlich und zwangen Eric Marty (18 von 26 für 220 yards, 4 TDs und 1 INT) zu langen Drives, in denen schnell klar wurde, dass er nicht jene Sicherheit an den Tag legte, die man von ihm gewohnt war. Andrej Kliman (15 für 69 Yards) konnte zwar die Offense großteils am Laufen halten, aber die endgültige Antwort war nur ein 32-yard FG: 7:3. Die Dragons wirkten unrund, die Vikings motiviert. Das Laufspiel bot mit etlichen Chris James– und Timothee Bach-Läufen neue Looks, und das Dragons Tackling hatte enorme Probleme, sich darauf einzustellen. Ihnen gelang dennoch ein für das Momentum wichtiges three-and-out im zweiten Viertel, das nach einem sensationellen Punt von Peter Kramberger zu einem Dragons-Drive führte, der an der eigenen 0.5 yard Linie anfing. Im vielleicht schönsten Drive des Spiels marschierten die Dragons bis zur eigenen 42-yard Linie, bevor Jason Horton (6 für 95 und 2 TDs) akrobatisch einen unpräzisen Marty-Pass für zehn Yards fing und direkt im nächsten Spielzug eine 36-yards Bombe an der Vikings Secondary vorbeitrug zum 10:7.

In diesem Drive fiel aber auch auf, was das Spiel der Dragons maßgeblich mitbeeinflusste, nämlich dass Pasha Asiladab (3 für 23 Yards, Oberschenkelzerrung) selten am Feld war. Die Dragons rotierten ihre WR-Sets zwischen Horton, Asiladab, Thomas Haider (4 für 54 und 2 TDs), Michael Janik und Johannes Widner, was das Passpiel unberechenbarer, aber nicht zwangsweise effektiver machte in der ersten Hälfte. Auf der anderen Seite strauchelte ihre Defense noch immer gegen die kreative Vikings-Spielanlage, die nach fünf Plays mit einem TD-Pass von Christoph Gross (7 von 12 für 112 Yards und 1 TD) auf Christoph Budimir auf den Halbzeitstand von 14:10 für die Vikings stellte. Der letzte Dragons-Drive vor der Halbzeit endete sogar mit einem sehr ungewohnten Bild: Eine aus leichter Überheblichkeit heraus geworfene Marty-Interception, abgefangen von Shawn Leever, in der Endzone. Es war erst seine zweite in der laufenden AFL-Saison.

Im dritten Viertel, einem Rückstand hinterherlaufend, besannen sich die Dragons aber wieder ihrer Offense-Qualitäten. Mit Asiladab nun öfter im Slot fand Eric Marty schlussendlich Horton in der Endzone zum 17:14. Während dieses Drives verletze sich aber Andrej Kliman, was Stefan Scharinger (7 für 38) auf den Plan rief. Aber auch die Dragons Defense war zu ihren gewohnten Stärken zurückgekommen, wurde der nächste Vikings-Drive bei einem ausgespielten 4th Down gestoppt (Budimir-Drop). Dies erwies sich als maßgeblich für den Spielverlauf: Daraufhin orchestrierten Marty, Scharinger und FB Franz Kolohsar einen Drive, der mit einem Thomas Haider TD-Catch zum 24:14 endete.

Die Vikings antworteten sofort mit einem TD: Ein geflippter Trips-WR-Play mit Pitch auf Cravalho, der schon zweimal davor in dem Spiel gebracht wurde, und den die Dragons schon durchschaut hatten, wurde variiert, indem Cravalho anstatt zu laufen einfach den Pass wählte – und Stefan Holzinger (3 für 59 und 1 TD) in der Endzone fand. Plötzlich war der Rückstand nur noch drei Punkte, und die Vikings bewiesen, dass sie noch immer mit Kreativität die nötigen Akzente setzten konnten. Zehn Minuten vor Ende starteten die Dragons aber den entscheidenden 75-yards-Drive, der ganze sechs Minuten von der Uhr nahm und in einem erneuten Marty-auf-Haider-TD (bei 4th & Goal!) endete. Mit 31:21 und dreieinhalb Minuten auf der Uhr war das Spiel zu dem Zeitpunkt vorentschieden. Der folgende Vikings-Drive führte zwar zu einem Field Goal und zur Verkürzung auf 31:24, aber der folgende Onside-Kick ging out-of-bounds und die Dragons knieten das Spiel ab.

Alles in allem war es ein deutlich spannenderes und ausgeglicheneres Spiel als die Blue River Bowl III, in dem Sinne einem Playoffgame würdig. Es war nicht unglaublich schön anzusehen, und wie alle wichtigen Spiele viel mehr eine Frage des Willens als eine Frage des Könnens, aber es war voller Herz, Dramatik und, ja, auch richtungsweisendem Charakter. In zweierlei Hinsicht muss man nämlich über dieses AFL Halbfinale sagen: Es reicht. Einerseits wurde hier endgültig die Vikings-Dynastie an der Donau, auch in einem Big Game, beendet. Andererseits haben die Dragons gewonnen, obwohl Kliman (Mittelfuß) für fast eine Halbzeit, Asiladab für viel mehr als das, die Special Teams und das Tackling mehr oder weniger komplett und Eric Marty (zumindest in manchen Phasen mental) abwesend waren. Eine durch und durch durchschnittliche Leistung, weit unter ihren Möglichkeiten, und sie gingen trotzdem als Sieger vom Feld. Man mag es mentale Fitness, strategische Brillanz oder einfach nur Depth nennen, aber egal was es war: Es hat gereicht. Am Ende standen sie zum letzten Mal heuer vor ihrem Heimpublikum im Rattenfängerstadion in der jubilierenden Huddle … und sangen Seven Nation Army.
Marko Markovic ist Redakteur bei Football-Austria.
Sie erreichen ihn unter [email protected]

AFL Playoff
1.QT
2.QT
3.QT
4.QT
TOTAL
DRA vs. VIK
3:7
7:7
14:0
7:10
31:24
 26. Juni 10 | 18:00
 Rattenfängerstadion | Korneuburg »Spielstatistiken«

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei