Der Schock sitzt tief nach dem Frankreich-Debakel. Österreich im Kleinsten aller möglichen Platzierungsspiele. Und das nicht mal mit Pech, sondern völlig verdient. Damit hat, nach den durchaus vernünftigen Defensivleistungen gegen Japan und Kanada, so gut wie niemand gerechnet. Zwei Stunden nach dem Spiel quälte ich meinen Smart über den Wechsel und war noch immer weitgehend fassungslos. Hype ade – mit einem Spiel haben wir den Wert dieser WM für den Sport nachhaltig limitiert. Siege lassen sich eben nicht planen oder gar bestellen und natürlich musste man auch mit diesem Szenario rechnen. Aber wer tat das? Ernsthaft jetzt.

Am hohen Ross
Dabei sind die Niederlagen alleine gar nicht das Schlimmste an der Sache. Es war unser allgemeiner Zugang zu diesem Turnier. Mit einer Medaille wurde insgeheim spekuliert. Das ist noch okay, man spielt schließlich auch nicht mit, um keine Medaille zu gewinnen, auch wenn die Chancen nur theoretisch waren und man nicht zum Favoritenkreis zählte, aber gerade die Franzosen, die haben wir mit viel zu wenig Respekt behandelt. Wir alle, mich eingeschlossen. Wovon war noch mal schnell die Rede, als wir von der EM in Frankfurt nach Hause kamen? Bronze gewonnen, aber in Wahrheit war es Silber, denn nur auf Grund der Gruppeneinteilung sind wir Dritter geworden. Frankreich hätten wir (klar) geschlagen. Dieses Geschwafel fiel auf fruchtbaren und für uns furchtbaren französischen Boden. Frankreich hat uns die passende Antwort auf unsere Einbildung gegeben, uns im eigenen Stall vom hohen Ross geholt. Das wird uns am Ende auch gut tun. Runter kommen, ihr Herren Eurobowl-Seriensieger! Wie sehr wir die Franzosen damit angestachelt haben, zeigen zwei Strafen nach Touchdowns gegen Frankreich wegen unsportlichem Verhalten. Da kam der ganze Ärger über die österreichische Arroganz zu Tage. Selten hatte ich mehr Verständnis für unsportsmenlike conduct.

Die Luft ist raus
Mit der Niederlage kommt der Kater der Ernüchterung. Wie sexy war diese WM noch vor einer Woche. Heute hat sie Falten, ihr fehlen Zähne und es sprießen Haare an den falschen Stellen, welche man dann wenigstens raufen kann. Man wollte einen Hype erzeugen, ein (nicht als solches ausgesprochen) Sommermärchen träumen, nur dazu gehören halt auch Siege, sonst wird es schnell zu einem Albtraum. Die großen Medien gehen verdächtig behutsam mit dem AFBÖ-Team um. Ein ganz schlechtes Zeichen. Würden sie den Sport als solchen sich zu Herzen und zur Brust nehmen, dann würde es (Amateur hin oder her) Kritik hageln und eine Debatte über den Teamchef wäre längst vom Zaun gebrochen. Nichts davon. Es ist ja nur Football. Die werden schon wissen, was sie machen. Bezeichnend, dass der AFBÖ, als im ORF kritische Töne durch drangen, dort intervenierte. Man brauche jetzt bitteschön keine Quarterback-Diskussion. Ach nicht? Was brauchen wir denn sonst? Das, was in der Pressemeldung des AFBÖ zum Spiel zu lesen ist vielleicht? – „Unglaubliche Aufholjagd“, „knapp an der Sensation gescheitert“. Kuscheln inmitten der Katastrophe. Auf einmal wäre es eine Sensation gewesen, wenn wir die Franzosen, die ab sofort brav als „Vizeeuropameister“ betitelt werden (zur Sensationsuntermauerung), geschlagen hätten. Geh bitte!
Eine Gross-Haider Diskussion ist tatsächlich leidlich. Der eine trifft den Gegner, der andere den Rasen oder beides. Und ich suche die Schuld nur teilweise bei Neo-Twens, die vor drei bzw. einer Saison damit überhaupt erst begannen. Warum wirft Gross ins Leere? Ich kenne ihn. Er ist weder dumm, noch untalentiert. Da stimmte doch etwas ganz allgemein nicht. Interessanter vielleicht, warum unser Playcalling den Überraschungseffekt von Schnee am Himalaya hat. Den Gegner am falschen Fuß erwischen – nicht die Stärke Austrias, eher die Australias [sic!]. Wenn du schon der Underdog bist, dann bitte nerve den Goliath, bis er dich richtig hasst! Tic-Tac-Toe hat da mehr Spielwitz als unsere Offense. Ich halte es da mit Teamchef Rhoades, der sagte, dass er in der Pause des Frankreichs Spiels versucht hat, seiner Offense irgend eine Art der Existenz zu geben. Versucht…
Und die Special Teams? Returns der Japaner landeten prinzipiell zirka an der AUT 40. Es war ersichtlich, dass wir das nicht verhindern konnten. Jetzt kickt man ja von der 30 weg. Zehn Yards? Eine Serie von Onside Kicks wäre die Folge gewesen. Bei Australien. Weil: eh wurscht, dafür werden wir manchmal den Ball erobern. Unsere Returner: Sie wollen alles zerreißen! Armando Ponce de Leon lässt das Ei aufspringen, nimmt es auf, schaut auf, blickt nach Westen, Lauf geht nach Osten, tänzelt elegant und landet schließlich hart im Süden. 1-10 AUT an der AUT 17. Wo geht es hier nach Norden?  
Und das Positive? Die Defense schlug sich phasenweise formidabel, wendete viel Unheil ab, welches zusätzlich noch auf uns hätte zukommen können, ließ Big Plays zu, als sie ermüdete. Overall: Sicher unter den Top 5 der WM.
Australien, das neue Frankreich?
Diese Fehleinschätzung der eigenen Position (siehe oben) geht leider noch weiter. Mario Nerad nach dem Frankreich-Spiel: „Die Australier müssen wir haushoch schlagen.“ Stellt sich bei mir die Frage: Womit eigentlich? Wir haben in drei Spielen 36 Punkte erzielt, 12 davon per Kick, in Summe einen Touchdown mehr als der kommende Gegner gemacht, der Deutschland gehörig ins Schwitzen brachte. Ist Australien jetzt unser neues Frankreich? Jetzt mal ernst: Wir sind nicht die, die andere haushoch schlagen. Wir sind die, die mit drei Niederlagen gegen ein anderes Team mit drei Niederlagen um den vorletzten Platz spielen. Punkt. Das mal sickern lassen, bevor wir dem Gegner ausrichten, dass wir ihn überfahren werden.
Möge mich der Freitag eines Besseren belehren. Allerdings fehlt mir der Glaube, dass wir Australien mit einem streng gezogenen Scheitel zurück ins Outback schicken können. Ich sehe die Waffen nicht. Mir schwant Anstrengendes, gemeint ein Ergebnis, wie Deutschland es erreicht hat. Damit müsste man dann auch zufrieden sein.
Sie lesen es wohl heraus: Ich bin ganz schlecht aufgelegt und Zorn ist immer ein schlechter Begleiter, auch beim Schreiben. Ich leide mit diesem Team, ich sehe die Entbehrungen, die die Spieler auf sich nehmen, ich sehe aber auch die große Lücke zwischen Schein und Sein, die da klafft. Ich bin, wie viele, sehr enttäuscht und wütend. Wütend darüber, dass es uns nicht gelungen ist, der WM den sportlichen Glanz zu verleihen, der uns vorher die Hoffnung gab, Football in Österreich von seinem Randdasein zu befreien. Wir sind Nachzügler in den Augen derer, die nicht jeden Sonntag im Stadion sitzen. Wir spielen unattraktiv, unspektakulär und uninspiriert. Und wir verlieren. Das war zwei Mal zu verkraften und erwarten, gegen Frankreich war es dann aber eine Niederlage zu viel. Ich befürchte, dass von der WM nicht annähernd so viel hängen blieben wird, wie man sich vorher erhofft hat und 2012 in der AFL business as usual einkehrt.

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