Vier Jahre European League of Football haben den Vienna Vikings sportlich zahlreiche Erfolge beschert. Wirtschaftlich steht nach dem Ende der ELF jedoch ein kumulierter Bilanzverlust von mehr als 3,6 Millionen Euro zu Buche. Während viele darin ein Warnsignal für den europäischen Football sehen, widerspricht Vikings-Mehrheitsgesellschafter Robin Lumsden entschieden: Die Millionen seien kein Schuldenberg, sondern bewusst eingesetztes Risikokapital für den Aufbau einer langfristig erfolgreichen Franchise.


Der Preis des europäischen Traums – und die Antwort der Besitzer

Die Zahlen der Betreibergesellschaft der Vienna Vikings, der Seven P GmbH (vormals Football AFC Betriebs GmbH), lesen sich im Firmenbuch eindeutig: Der Bilanzverlust der vergangenen fünf Geschäftsjahre summiert sich auf exakt 3.606.939 Euro. Beliefen sich die Verluste nach den ersten beiden ELF-Saisonen 2022 und 2023 noch auf rund eine Million Euro, kamen 2024 eine weitere Million sowie im letzten ELF-Jahr 2025 nochmals rund 1,5 Millionen Euro hinzu.

Die Verantwortlichen unterstreichen regelmäßig, dass es sich dabei nicht um klassische Fremdverschuldung handelt, sondern die Verluste vollständig durch Eigenkapital beziehungsweise Gesellschaftermittel gedeckt wurden. Dennoch bleibt in der Branche die Diskussion offen, wie lange Investoren bereit sind, Millionen in ein Umfeld zu investieren, das derzeit eher schrumpft als wächst..

Vienna Vikings vs. Rhein Fire,US-Botschafter Arthur Graham Fisher, Vikings Owner Robin Lumsden
US-Botschafter Arthur Graham Fisher (2. v. r.) und Vikings-Owner Robin Lumsden (3. v. l.)
Foto: Hannes Jirgal

Vikings-Mehrheitsgesellschafter Robin Lumsden kontert diese Sichtweise im Gespräch mit Football-Austria pragmatisch und direkt:

„Wie jedes Start-up, das versucht, eher rascher als langsamer zu skalieren und zu wachsen, müssen wir zunächst investieren und nicht ‚kassieren‘. meine Minderheitsgesellschafter und ich haben mehr investiert als alle Verbandsfunktionäre seit Gründung des Verbandes vermutlich an öffentlichen Geldern ausgegeben haben – wobei ich das Zeitinvestment der Funktionäre hoch anrechne. Ich kann nur schwer nachvollziehen, dass man für solche Investments kritisiert wird. Lieber würde ich Hand in Hand eine Erfolgsstory schreiben.“

Lumsden, der als Wirtschaftsanwalt seit Jahren große internationale Investments und Betriebsansiedlungen nach Österreich holt, sieht das Engagement bei den Vikings auch als patriotische Aufgabe für den Wirtschaftsstandort. Dabei verweist er auf den Unternehmergeist aus seiner eigenen aktiven Football-Zeit:

„Echtes Venture Capital – und Sportinvestments sind ausschließlich Risikokapital – geht mit dem Wort ‚Risiko‘ einher, das uns in Österreich leider oft verloren gegangen ist. Mein Vater sagte immer: ‚You got to give if you want to get.‘ Mein früherer Stanford-Professor und Ex-Google-CEO Eric Schmidt betonte stets: ‚You have to fail 5 times before you succeed.‘ In Österreich gilt oft ‚Scheitern verboten‘. Wir können uns in der schnellstwachsenden Sportart Europas nicht zum Erfolg sparen, aber wir können mutig ein kalkuliertes Risiko auf unsere eigenen Kosten eingehen. Jeder, der mit mir als QB in Baden oder bei den Rangers gespielt hat, wird sich erinnern, warum wir lieber Risiko nehmen.“

Besonders wichtig ist der Klubführung die Abgrenzung zu öffentlichen Schulden oder einer finanziellen Schieflage:

„Wir Vikings haben keine Schulden, keine Kredite, keine Gläubiger und keinen Cent öffentliche Förderung. Dass wir Verluste erwirtschafteten, zeigt nur, dass wir investiert haben und nicht auf Luft, sondern auf Kapital gebaut sind. Das Geld ist nicht weg, es hat die bekannteste Football-Marke Europas aufgebaut. Wir haben Jobs geschaffen, Spieler konnten erstmals gut davon leben, hauptberufliche Trainer wurden marktüblich bezahlt und massiv Know-how nach Österreich transferiert. Wenn es klappt, die Vikings in drei Jahren profitabel zu machen, wäre das großartig. Wenn nicht, haben wir einen gewaltigen Impuls gesetzt. Wir haben bereits diverse Kaufangebote für die Vikings bekommen – wir Unternehmer tragen eben das Risiko, und das ist gut so.“


Erfolgsmodell Alszeile: Lob für den Sport-Club, Appell an die Stadtpolitik

Dass das Investment vor Ort Früchte trägt, zeigt sich an der neuen Heimstätte der Wiener. Nur rund drei Monate nach der Eröffnung des sanierten Sport-Club-Stadions im April 2026 wurde bereits die Marke von 50.000 Besucherinnen und Besuchern geknackt. Neben dem ÖFB-Cup, Rugby-Länderspielen und Frauen-Fußball-Highlights tragen die Vienna Vikings maßgeblich zu dieser Auslastung im neuen Sport-Club-Stadion bei: Fünf ihrer sechs AFLE-Heimspiele bestreiten die Wikinger in Hernals, wo unter anderem beim Duell gegen Berlin Thunder über 4.100 Fans für Top-Atmosphäre sorgten. Knapp ein Viertel (12.000) der von der Stadt Wien ausgewiesenen 50.000 Gesamtzuschauer gehen somit direkt auf das Konto der Franchise.

Erfolgsmodell Alszeile: Bereits über 50.000 Fans im neuen Sport-Club-Stadion

Während Sportstadtrat Peter Hacker und die Verantwortlichen der Stadt Wien die Multifunktionalität der Arena loben, unterstreicht Robin Lumsden die hervorragende Zusammenarbeit mit dem Wiener Sport-Club, nutzt die Gelegenheit aber auch für eine klare Ansage in Richtung der Wiener Sportpolitik:

„Wir bedanken uns bei David Krapf-Günther, der nach unserer Wahrnehmung ein außergewöhnlich professioneller Fußball-Manager ist. Gemeinsam haben wir erfolgreich eine neue Heimstätte für die Vikings etabliert. Unser Dank gilt auch den Sport-Club-Fans, die uns mit offenen Armen aufgenommen haben. Damit die Öffentlichkeit hier aber keinen falschen Eindruck bekommt: Wir Vikings zahlen gutes Geld für die Miete des Stadions. Wir würden uns natürlich freuen, wenn die Stadt noch stärker wahrnimmt, wie viele Tausend Touristen wir jährlich nach Wien locken – unsere Fans buchen an Spielwochenenden etliche Wiener Hotels aus. Mir ist es leider noch nicht gelungen, die Wiener Politik davon zu überzeugen, dass wir gleich viele Fans nach Wien bringen wie das ATP-Tennisturnier, welches sehr hohe Förderungen erhält. Dennoch sagen wir Danke, dass die Stadt dem Sport-Club dieses Stadion gebaut hat. Wien verträgt mehrere solcher Projekte – sie refinanzieren sich, sodass am Ende nicht der Steuerzahler draufzahlt.“

📊 Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick

  • Bilanzverlust Seven P GmbH: 3.606.939 Euro (2021–2025)
  • Zuschauerschnitt Vienna Vikings 2026: 5.800
  • Bestbesuch 2026: 11.200 Fans (Generali Arena)
  • AFLE auf SPORT1: 3.000 Zuschauer Schnitt (14–59 Jahre, 0,2 % Marktanteil)
  • EFA im Hessischen Rundfunk: 5.000 Zuschauer Schnitt (0,7 % Marktanteil)
  • ELF auf ProSieben MAXX: bis zu 230.000 Zuschauer, zuletzt 190.000 beim Finale 2025

Nach der ELF: Europa spielt plötzlich in zwei Ligen

Während die Vikings in Wien ihre Hausaufgaben machen, bleibt das europäische Umfeld komplex. Mit dem Ende der European League of Football entstand nicht die erhoffte gemeinsame Nachfolgelösung, sondern eine weitere Spaltung des europäischen Footballs.

Aus der ursprünglich von ehemaligen ELF-Franchises gegründeten, teamgeführten European Football Alliance (EFA) entwickelte sich zunächst ein gemeinsames Projekt. Doch schon wenige Monate später trennten sich die Wege erneut: Die Vienna Vikings, Rhein Fire, Wroclaw Panthers und Berlin Thunder gründeten gemeinsam mit Investoren die AFLE – The League Europe.

In der EFA verblieben unter anderem die Raiders Tirol, Munich Ravens, Nordic Storm, Frankfurt Galaxy, Prague Lions und Paris Musketeers. Die Liga startete Mitte Mai mit sechs Teams. Die AFLE ergänzte ihr Teilnehmerfeld dagegen kurzfristig um vier komplett neue Franchises (Alpine Rams, London Warriors, Paris Lights, Firenze Red Lions) und ging mit acht Mannschaften an den Start.

Das Gefälle innerhalb der AFLE wird sichtbar

Doch hinter den Kulissen der neuen AFLE-Standorte brodelt es gewaltig: Bis auf die London Warriors kann sportlich kein neues Team auch nur annähernd mit den etablierten Programmen aus Wien, Düsseldorf und Wroclaw Schritt halten. Ihre Zuschauerzahlen bewegen sich stellenweise im niedrigen dreistelligen, in manchen Fällen sogar nur im zweistelligen Bereich.

Dazu dreht sich das personelle Karussell im Eiltempo: Die Alpine Rams standen Ende Juli mit weniger als der Hälfte jener Spieler da, die sie zum Saisonstart noch stolz präsentiert hatten. Florenz verschliss im achten Spiel bereits den vierten Head Coach, und sowohl in Italien als auch in Paris herrscht ein reges Kommen und Gehen. Florenz alleine trennte sich seit Saisonbeginn von 15 Import-Spielern, darunter fünf US-Amerikanern.

Auffällig ist zudem, dass mehrere A-Imports ihre Franchises nach rund drei Monaten wieder verlassen. Dieser Zeitraum entspricht in vielen Fällen der üblichen 90-Tage-Gültigkeit von Touristenvisa – ein Umstand, der Fragen zur langfristigen Planung der Standorte aufwirft.

Der Rest des ehemaligen ELF-Teilnehmerfeldes zerfiel: Die Fehervar Enthroners kehrten in die AFL zurück, Madrid stellte den Spielbetrieb ein, und der amtierende ELF-Champion Stuttgart Surge musste Insolvenz anmelden. Auch die Helvetic Mercenaries, Cologne Centurions und Hamburg Sea Devils verschwanden von der Bildfläche.


Der Einbruch im TV

ELF Finale 2023 Rhein Fire mit Zeljko Karajica und Patrick Esume
ELF Finale 2023: Zeljko Karajica (links vone) mit dem Champion Rhein Fire.

Unabhängig von der sportlichen Qualität kämpfen beide Nachfolgeligen mit demselben Problem: dem massiven Verlust an medialer Reichweite. Die ELF profitierte über Jahre vom TV-Netzwerk ihres damaligen Geschäftsführers Zeljko Karajica. Nach dem Ende der Liga endete auch die Zusammenarbeit mit ProSiebenSat.1.

Heute setzt die AFLE neben einem hauseigenen Game Pass auf SPORT1, Red Bull TV und krone.tv, während die EFA überwiegend über YouTube streamt und einzelne Spiele im Hessischen Rundfunk zeigt. Die TV-Zahlen zeigen deutlich, wie groß die Lücke zur früheren ELF geworden ist:

  • Hessischer Rundfunk (EFA): Frankfurt Galaxy gegen Raiders Tirol erreichte laut Sender durchschnittlich rund 5.000 Zuschauer (0,7 % Marktanteil).
  • SPORT1 (AFLE): Rhein Fire gegen Vienna Vikings verfolgten in der Zielgruppe 14 bis 59 Jahre rund 3.000 Zuschauer (0,2 % Marktanteil).
  • Österreich: Weder SPORT1 noch krone.tv schafften bislang den Sprung in die Teletest-Rankings (Schwelle ca. 2.000 bis 4.000 Seher).

Zum Vergleich: Während der ELF-Saisonen 2023 und 2024 erreichten die Übertragungen auf ProSieben/MAXX Spitzen bis zu 230.000 Zuseher bei 4% Marktanteil. Selbst das vielkritisierte ELF-Finale 2025 verzeichnete noch 190.000 Zuseher. Das waren die Spitzenwerte. Im Durchschnitt lagen die ELF-Übertragungen laut verfügbaren Branchenangaben bei rund 170.000 (2021), 160.000 (2022), 130.000 (2023), 100.000 (2024) und 90.000 Zuschauern (2025). Auch wenn eine negative Tendenz damals schon deutlich zu erkennen war, der Rückgang von einer solchen Reichweite auf wenige Tausend ist drastisch – auch wenn die AFLE technisch und optisch Übertragungen auf absolutem Top-Niveau liefert. Auch das oft genannte Argument, Streaming könne diesen Verlust kompensieren, greift nur bedingt. Bereits die ELF setzte intensiv auf Streamingplattformen. Das Mediennutzungsverhalten hat sich innerhalb weniger Monate auch nicht grundlegend verändert.


Im Stadion zeigt sich ein ähnliches Bild

Marshawn Lynch
„Beast Mode“ Marshawn Lynch in Wien. Die Vikings holen prominente Namen zu ihren Spielen.
Foto: Hannes Jirgal

Auch auf den Tribünen fällt die Entwicklung spürbar unterschiedlich aus. Den Vienna Vikings kann man organisatorisch kaum Vorwürfe machen: Hochwertige Gamedays, prominente Gäste wie Marshawn Lynch, Nachwuchscamps mit NFL-Profi Bernhard Raimann, moderne Stadien und ein professionelles Rahmenprogramm sorgen weiterhin für einen starken Zuschauerschnitt von rund 5.800 Fans pro Heimspiel. Der Spitzenwert lag in dieser Saison bei 11.200 Besucherinnen und Besuchern in der Generali Arena. Damit bleiben die Vikings nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich und organisatorisch das Aushängeschild des europäischen Club-Footballs. Kaum ein anderer Standort schafft es derzeit, regelmäßig mehrere Tausend Zuschauer anzuziehen und gleichzeitig ein Event zu bieten, das sich bewusst an internationalen Profi-Ligen orientiert.

Hinter den Vikings fällt das Bild in Europa jedoch nüchtern aus:

  • Rhein Fire: Die Zuschauerzahlen haben sich gegenüber 2025 etwa halbiert.
  • Berlin Thunder: Neben den bekannten Insolvenzproblemen (Massenunzulänglichkeit wurde angezeigt) fehlt dem Klub aktuell sogar eine geeignete Tribüneninfrastruktur.
  • Neue AFLE-Franchises: Trauriger Tiefpunkt war ein Heimspiel der Firenze Red Lions vor offiziell 66 Zuschauern.
  • EFA: München, Kopenhagen, Frankfurt und Innsbruck liegen allesamt leicht unter ihren ELF-Zahlen aus dem Vorjahr.

Europas Football sucht seine Zukunft

Sportlich liefern sowohl EFA als auch AFLE phasenweise attraktive Spiele. Doch der europäische Football ist insgesamt kleiner geworden. Ein Zusammenschluss beider Ligen wäre aus Sicht vieler Fans logisch, scheitert jedoch aktuell an unterschiedlichen Eigentümerstrukturen und Verträgen.

Rückblickend bleibt festzuhalten: Zeljko Karajica gelang es einst, eine europaweite Semi-Profi-Liga mit relevanter TV-Präsenz aufzubauen. Diese große gemeinsame Plattform existiert derzeit nicht mehr. Für die Vienna Vikings bleibt die Situation ein wirtschaftlicher Balanceakt: Das Produkt in Wien funktioniert auf hohem Niveau, namhafte Sponsoren sind an Bord und die Eigenkapitaldecke hält. Doch solange das europäische Umfeld schrumpft, bleibt der Preis für diesen Traum außergewöhnlich hoch.

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