Die Utah Offense sei zu uneffektiv, Shawn Olson ist mit seinem Kopf schon wo anders, die Raiders hätten die kurzen Passrouten bereits durchschaut usw. usf. Ich mag gar nicht mehr nachlesen, was ich tags zuvor über die "Schwächen der Vikings" mir alles einfallen hab lassen, natürlich nur um mich am darauf folgenden Abend selbst Lügen zu Strafen. Eine kopflose Tiroler Mannschaft wird von den Chrysler Vikings zerpflückt, dass nach dem Match nicht einmal mehr Sprüche wie "in zwei Wochen wird’s sicher besser" über die katastrophale Leistung des noch amtierenden österreichischen Meisters hinwegtäuschen konnten. Einziger Pluspunkt aus Tiroler Sicht war das Publikum, welches auch in der Stunde der heftigen Niederlage bis zum bitteren Ende zur Mannschaft hielt.
Statistiken
Teamnews: Raiders – Vom Regen in die Traufe
Teamnews: Vikings – Tiroler Täuschungsmanöver Teil2 

Ebenfalls völlig daneben mit seiner Vorab Analyse lag AFBÖ Präsident Michael Eschlböck, der im Namen des Verbands seiner Vorfreude Ausdruck verlieh, dass vor allem auf Seiten der Vikings die Imports in diesem Match geschont und damit mehr Österreicher zum Einsatz kommen würden. Nichts davon war zu sehen oder zu spüren. Die Wiener traten in ihrer stärksten Besetzung an, standen mit allen verfügbaren Legionären bis zum Endergebnis am Feld. Ebenso die Raiders, von deren hoch gelobten Offense an dem Tag aber nicht viel zu sehen war. Erst kurz vor Schluss bekamen die Backups auf Seiten der Vikings ihre Chance.
Der Meister nur in zwei Disziplinen meisterlich: Fumbles & Turnovers. Gezählte acht Mal gab man den Vikings den Ball "freiwillig" zurück, die ersten Spielzüge der Tiroler bestanden bis auf einen kurzen Lauf überhaupt nur aus Fumbles. Perfekt hingegen die Vikings Offense. Je zwei Touchdowns von Lance Gustafson und Charley Enos machten bereits im ersten Viertel (!) alles klar. 0:27 nach 12 Minuten. Die Raiders kamen nicht einmal in die Nähe der Endzone der Vikings.
Fast das gleiche Spiel im zweiten Viertel. Die Innsbrucker prolongierten ihre "Fumble- Taktik", die Vikings ihre Touchdown Spielzüge (Gustafson, Atwood) bis zum 0:42. Sekunden vor der Halbzeit erlöste Nick Eyde mit einem Pass auf Chris Rosier die Tiroler aus ihren schlimmsten Albträumen (zu Null Niederlage war an dem Tag durchaus drinnen). Ein geblockter Extrapunktversuch fixierte den Halbzeitstand von 6:42.
Der ehemalige Raiders Präsident Günther Bangratz zu Football-Austria.com in der Pause: "Unsere Taktik geht voll auf. Tarnen und Täuschen!" Der ironische Unterton konnte aber nicht verheimlichen, dass es auch für ihn kein lustiger Nachmittag ist und vor allem nimmer werden sollte.
Denn wer sich zur Mitte noch dachte, dass die Raiders in der zweiten Hälfte besser ins Spiel finden werden, wurde eines Besseren belehrt. Zwar konnten die Tiroler gleich nach Wiederbeginn mit QB Nick Eyde auf 12:42 verkürzen, aber es sollte bereits der letzte Score der Men in Black in diesem Match sein. Alle Punkte danach waren violett. Mit den vielen Turnovers (diese verteilten sich auf das ganze Spiel) machte man es zwar dem Gegner denkbar leicht und das verzerrt damit auch ein wenig das Ergebnis, doch der wirkliche Knackpunkt aber war die evidente Hilflosigkeit der Raiders Defense gegen Shawn Olson und die Utah-Offense, welche dann vielleicht doch nicht so eine unpraktikabel ist.
Die Raiders jedenfalls wussten nie so recht was gespielt wird. Kommt ein kurzer Pass auf Enos?, läuft Gustafson?, der lange Pass auf Atwood?, ein kurzer auf Gustafson?, oder geht gar Olson selbst? Ja, das alles und noch mehr! Kaum ein Spielzug wurde von der Tiroler Defense richtig gelesen und falls doch, half auch das nicht viel, denn auch ein erfolgreicher Blitz brachte meist noch immer einen kleinen Raumgewinn für die Wikinger ein. Heiliger Rasen!
Bezeichnend für die Unterlegenheit war der Mut zum Fatalismus des Platzsprechers. Gustafson läuft im ersten Versuch für 8 yards, wird also 2 yards vorm erneuten 1st down gestoppt. Der Sprecher: "Und wieder hat die Defense der Raiders gut (!) aufgepasst und ein 1st down verhindert!" Im ersten Versuch galt das ab dem dritten Viertel schon als Erfolg. Es ging also gar nichts mehr bei den Tirolern und weiterhin alles bei den Wienern, die fast nach Belieben weitere Punkte erzielen konnten.
Der bereits im ersten Match mit zwei Kick off Touchdown Returns bei den Raiders ungut aufgefallene Wikinger Neil Maki (den man dieses Mal verhindern wollte) konnte es sich nicht verkneifen den Tirolern zu zeigen, dass der Tiroler Wille alleine keine Berge versetzen kann und lief erneut über das ganze Feld in deren Endzone (12:48). Ein Pass Olsons auf Enos (12:55) und noch einer (weil grad Zeit war) auf Atwood (12:62) stillte den Wikingerhunger und ließ die Backups aufs Feld laufen.
Zwar produzierten diese noch ein Einzelstück bester Tiroler Fließbandarbeit, nämlich einen Fumble inklusive Turnover, aber der Raiders QB wollte im letzten Spielzug nicht noch einmal in Fumblegefahr kommen, kniete für -1 yard nieder und ließ die Uhr auslaufen. Uff, geschafft!, oder so ähnlich.
Die beste Szene hatte das Raiders Team nach dem Match. Trotz dieser Blamage gegen den Erzrivalen gab es eine gemeinsame Welle mit den Vikings. Das Tiroler Publikum feierte ihre Mannschaft zwar nicht frenetisch, aber war anscheinend vom Match gar nicht so abgeturnt. Immerhin sah man viele schöne Spielzüge und Punkte, leider halt aus Tiroler Sicht für das falsche Team. Auch die Coaches und Spieler der Vikings gerieten nicht so recht in Siegerlaune. Zu hoch das Ergebnis, zu trügerisch könnte diese Sicherheit sein um sich darin zu wiegen für das was in zwei Wochen passieren wird. In diesem Match ging es um nicht viel mehr als um den Tabellenplatz und die Ehre. Am 18.06. geht es um den Einzug ins Eurobowl Finale und da wird man aller Voraussicht nach wieder ein anderes Tiroler Team sehen. Ob es aber so anders sein wird um diese Vikings zu schlagen, bleibt dahingestellt. So geht es jedenfalls nicht. Abzüglich der Turnovers hätte man das Match zwar knapper, aber immer noch klar verloren. Keine Fehler bei den Wienern, eine unberechenbare Offense und eine standhafte Defense. Die Niederlage der Vikings in ihrer Charity Bowl gegen die UWC Eau-Claire dürfte nicht nur vergessen sein, sondern dem Team sogar in seiner Entwicklung geholfen haben.
Jetzt mag es den einen oder anderen geben, der den Innsbruckern wirklich taktische Absicht unterstellen mag. Quasi: tun wir so, als seinen wir voll schlecht und dann verhauen wir sie in zwei Wochen! Es sei gesagt: das ist Blödsinn. Kein Team verliert zu Hause freiwillig gegen seinen Lieblingsfeind. Schon gar nicht in der Manier. Die Spieler der Raiders waren danach frustriert. Der Unterschied von 50 Punkten könnte dem Team sogar einen ordentlichen Knacks versetzt haben. Es kommt viel Arbeit auf Head Coach Geoff Buffum zu, um seine Mannen wieder aufzurichten. Nach dem Match war man auf Seiten der Raiders auch dementsprechend nervös. Keine Presse beim Team Huddle, selbst den ORF bat man für "zwei ,drei Minuten" mit der Kamera wegzugehen. Ein bisschen NFL Flair also. Das ist natürlich nach so einer Partie völlig zu akzeptieren, trotzdem wäre Football-Austria.com gerne als Mäuschen dabei gewesen. Vielleicht ist das ja alles wirklich nur eine große Tiroler Verschwörung und General Manager Daniel Dieplinger sagte zum Team im Huddle: "Great Job, now let’s do it andersrum in two weeks." Wir wissen es leider nicht.
AFL
Papa Joe’s Tyrolean Raiders vs Chrysler Vikings 12:62

(0-28 / 6-14 / 6-13 / 0-7)
04.06.2005, Kickoff: 17.00h, Tivoli Neu, Innsbruck, 2300
Referees: Arnold / Eberhard / Hofbauer / Savicevic / Kuntschik / Lair
Football-Austria.com Spielbewertung (max. 10 Balls)
Spielniveau:
Ambiente:
Unterhaltungswert:
Hot Dog Test:
Football-Austria.com MVP:
Shawn Tristan Olson (Vikings)

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