Valentin Senn ist seinem großen Ziel wieder ein Stück näher. Der 26-jährige Tiroler steht bei den Arizona Cardinals im Practice Squad und damit weiterhin unmittelbar im NFL-Umfeld. Hinter ihm liegt allerdings ein Weg, der 2025 durch eine schwere Verletzung jäh unterbrochen wurde.
Nach dem NFL Draft 2025 unterschrieb Senn als Undrafted Free Agent bei den Cardinals. Zuvor hatte der 2,01 Meter große Offensive Lineman seine College-Karriere bei UConn beendet. Für die Huskies kam er auf 41 Spiele und startete seine letzten 38 Partien allesamt als Left Tackle.
Dann kam die Nackenverletzung. Noch vor seiner ersten NFL-Saison landete Senn auf Injured Reserve. Sein Rookie-Jahr war vorbei, bevor es richtig begonnen hatte.
Erst gesund werden, dann wieder an Football denken
Wie ernst die Situation für seine weitere Football-Karriere tatsächlich war, will Senn im Nachhinein gar nicht beurteilen. Die Prioritäten hätten sich damals automatisch verschoben.
„Der Fokus orientiert sich einfach um. Anfänglich geht es darum, dass man wieder gesund wird“, sagt Senn im Gespräch mit Football-Austria. Natürlich sei eine solche Verletzung zunächst beunruhigend gewesen. Danach habe er sich aber Schritt für Schritt neue Ziele gesetzt.
„Es war eigentlich immer schon klar, dass Football weiterhin das ist, was man macht“, sagt Senn.
Der Weg zurück führte über Rehabilitation und Krafttraining. Erst danach konnte er wieder daran denken, tatsächlich Football zu spielen. Bis Anfang April 2026 absolvierte Senn nach eigenen Angaben kein Football-Training.
Acht Monate ohne Football
Das hinterließ Spuren. Während der langen Pause fehlten ihm die physischen Wiederholungen auf dem Feld. Senn versuchte deshalb, die Zeit anders zu nutzen: beobachten, lernen und möglichst viele mentale Reps sammeln.
„Ich glaube, das hat mir schon sehr geholfen, so lange zuzuschauen und das einfach aufzusaugen wie ein Schwamm“, sagt der Offensive Lineman.
Nach rund acht Monaten ohne Football sei beim Wiedereinstieg dennoch zu spüren gewesen, dass ihm die Praxis fehlte. Senn bezeichnet sich selbst als zunächst „ein bisschen rostig“.
Genau diese verlorene Zeit ist für ihn heute ein wesentlicher Faktor. Während andere Rookies ihr erstes NFL-Jahr nutzen können, um sich an Geschwindigkeit, Technik und Qualität der Gegenspieler zu gewöhnen, musste Senn diese Entwicklung nach seiner Verletzung nachholen.
Vom Left Tackle zum Guard
Dabei änderte sich auch seine Rolle. Senn, der am College praktisch ausschließlich als Left Tackle gestartet war, begann bei den Cardinals zusätzlich als Guard zu arbeiten. Die Initiative dafür ging auch von ihm selbst aus.
Der Gedanke dahinter ist einfach: Je mehr Positionen ein Offensive Lineman abdecken kann, desto wertvoller kann er für einen NFL-Kader werden.
„Wenn ich Center spielen müsste, dann würde ich Center spielen“, sagt Senn. „Da geht es eher darum, sich irgendwie einen Platz zu ergattern und dem Team zu zeigen, dass man Wertigkeit hat.“
🎧 Valentin Senn über seine neue Rolle in der Offensive Line
Mittlerweile fühle er sich auch als Guard sehr wohl. Der Stolz auf seine angestammte Position als Tackle müsse dabei hinter dem eigentlichen Ziel zurückstehen.
„Wenn man in der NFL ist, dann kann man stolz sein, egal welche Position man spielt, wenn man es dann schlussendlich auch schafft.“
Was zum 53-Mann-Kader noch fehlt
Senn macht keinen Hehl daraus, wo er selbst noch den größten Aufholbedarf sieht: bei der Erfahrung gegen Gegenspieler auf NFL-Niveau.
Der Sprung vom College zu den Profis sei enorm. In der NFL treffe man auf Spieler, die zuvor zu den Besten ihrer jeweiligen College-Teams gehört hätten. Gerade diese Anpassungsphase konnte Senn 2025 wegen seiner Verletzung nicht durchlaufen.
Nun versucht er, die verlorenen Wiederholungen nachzuholen, seine Bewegungen wieder flüssiger zu machen und auf konstant hohem Niveau zu spielen. Gleichzeitig soll seine Vielseitigkeit die Chancen erhöhen, den Abstand zwischen Practice Squad und 53-Mann-Kader zu schließen.
Die neuen IPP-Regeln helfen Senn
Dabei sind die Voraussetzungen für Senn günstiger als noch für frühere österreichische Teilnehmer am International Player Pathway Program.
Die NFL kündigte bereits 2023 eine umfassende Erweiterung des Programms an. Football-Austria berichtete damals über die neuen Regeln, die ab 2024 allen 32 Franchises einen zusätzlichen Platz für einen internationalen Spieler im Practice Squad ermöglichen.
Ein wesentlicher Unterschied zu früher: Internationale Spieler können während der Saison bis zu dreimal in den aktiven Kader für einen Spieltag aufgenommen werden, ohne dass das Team dadurch den zusätzlichen Practice-Squad-Platz verliert.
Diese Möglichkeit hatten frühere österreichische International-Player wie Sandro Platzgummer bei den New York Giants oder Bernhard Seikovits in seinen ersten Jahren bei den Arizona Cardinals in dieser Form noch nicht.
„Nicht die gleichen Fehler machen, sondern neue“
Senn konzentriert sich deshalb weniger auf einen konkreten Termin für den Sprung in den 53-Mann-Kader als auf seine tägliche Entwicklung.
Sein Grundsatz klingt dabei simpel: „Nicht die gleichen Fehler machen, sondern neue Fehler machen.“
Er spricht vom Prinzip eines „One-Time Corrector“: Passiert ein Fehler und folgt darauf das Coaching, sollte derselbe Fehler möglichst kein zweites Mal passieren. Auf diese Weise will Senn den Abstand zum aktiven Kader Schritt für Schritt verkleinern.
🎧 Valentin Senn über Fehler und seine Entwicklung
Wie realistisch ist ein NFL-Einsatz?
Und wie weit ist Senn tatsächlich davon entfernt, nicht nur in der Preseason, sondern in einem NFL-Regular-Season-Spiel auf dem Feld zu stehen?
Seine Antwort fällt bemerkenswert selbstbewusst aus.
„Ich glaube, das ist schon sehr realistisch“, sagt Senn. Entscheidend sei, wie viele Chancen und wie viel Zeit er bekomme. Solange er sich weiterentwickle und die Coaches diese Entwicklung sehen, habe er die Möglichkeit, die Lücke zwischen Practice Squad und Kader zu schließen.
Zeitdruck verspürt der 26-Jährige dabei nicht. Gerade Offensive Linemen würden ihr bestes Football häufig erst um das 30. Lebensjahr spielen. Anders als auf Positionen, auf denen Explosivität und Geschwindigkeit besonders entscheidend sind, gehe es in der Offensive Line stark um Technik, Erfahrung und immer wieder trainierte Bewegungsabläufe.
Für Senn ist die Rechnung deshalb klar: Wiederholungen sammeln, vielseitiger werden, Fehler korrigieren – und auf die Gelegenheit warten.
Nach einer verlorenen Rookie-Saison ist der Tiroler wieder dort, wo er hinwollte. Noch trennt ihn der Practice Squad vom endgültigen Durchbruch. Doch erstmals seit seiner Nackenverletzung geht es nicht mehr darum, ob Senn wieder Football spielen kann.
Es geht darum, wann sich die nächste Tür öffnet.
Senn selbst hält es zum Abschluss deutlich einfacher: „Ich werd weiter hart arbeiten! Wir werden schon sehen, was passiert!“
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