Ein Erlebnisbericht, eine Vorschau und der Beginn einer Serie über ein Match hinter Gittern

Vorigen Sonntag ging ich ins Gefängnis. Nicht wie man jetzt meinen mag um meine gerechte Strafe abzusitzen, sondern um ein Footballtraining zu beobachten. Sie haben ganz richtig gelesen: ein Footballtraining. Derzeit befinden sich die Herren Roland Drevensek, Armin Schneider (beide Bruins) und Mario Göpfert (noch Salzburg Bulls) auf einer Mission im Häfen. In der Jugendvollzugsanstalt Gerasdorf trainieren Sie einen noch wilden Haufen von zum Teil hochtalentierten Insassen. Man sieht den jungen Männer an viel Zeit damit verbracht haben ihre Körper in Form zu halten. Knapp 20 Athleten, die weitgehend noch wenig Ahnung vom Footballsport haben, zeigen Bereitschaft, Disziplin und Einsatz um am 23.09., im Rahmen eines Sportfestes, ihr erstes Match zu bestreiten. Resozialisierung durch das Eierlaberl.
Aller Anfang ist schwer
Bei der Einfahrt wird einem ein wenig mulmig. Es öffnet sich die er erste Stahltür – man fährt vor – und sie schliesst sich. Erst dann öffnet sich das zweite Tor zum Innenhof des Gefängnisses (wie im „wirklichen“ Film!), aber der Anblick der einem sich danach offenbart ist schon weit freundlicher. Erinnerungen an die Bundesheerzeit kommen in mir hoch. Wie der junge Ambros ja schon sang: „des is so wie im Häfn“. In der Tat erinnert alles ein wenig an die Innereien einer Kaserne – Parkplätze, Empfang, Wirtschaftsgebäude, Sportplatz, Werkstätten, in der Mitte eine Kappelle.

Beim Empfang die erste Enttäuschung. Obwohl der Herr Doktor (Schneider) der Auffassung war er hätte mein Mitkommen angekündigt, wurde ich samt Kameras beim Eingang gleich mal umgedreht. Keine Fotos (vorläufig mal). Im Gepäck hatten wir Equipment und Bälle, die durften aber samt uns rein. Eine kurze Lagebesprechung mit dem zuständigen Mann, nennen wir ihn Mal „Strafanstalt Event-Manager“, und danach ging es ab in den Lehrsaal. Das Trio absolvierte bereits die Wochen davor zwei sonntägliche Theorieeinheiten mit den Aspiranten, trennte da die Spreu vom Weizen und hatte demnach bereits einen guten Überblick wer für welche Position geeignet ist. Heute soll es dann erstmals aufs Feld gehen.

Die bad boys in der Lehre
Im Lehrsaal lernte ich erstmals die Spielertypen (Insassen) kennen. Auf den ersten Blick erkennt man keinen Unterscheid zu einem Footballteam. Auf den zweiten fällt auf – sie sind alle enorm gut trainiert. Einige Coaches in Österreich würden ihren kleinen Finger dafür spenden, wären ihre Jungs in solch einer Verfassung. Muskeln generell und überall. Kleine, flotte und wendige Typen sind ebenso dabei, wie stattliche Henker und Halbschwergewichte mit vernünftigem Ärmel. Ein Eldorado für Trainer. Diese teilten das Equipment auf – und die Spieler nach Positionen ein. Wo jeder zu stehen hat, wussten die Burschen bereits aus der Theorie. Sie haben gut dabei aufgepasst, wie sich später herausstellen sollte. Auffällig beim ganzen Prozedere: die Stimmung war freudig bis überschwänglich, aber trotzdem sachlich. Ausgelassene Disziplin.

Wer sind die Spieler am Feld?
Nennen wir das Kind beim Namen. Wir reden von Drogendealern, Einbrechern, Vergewaltigern, von Raubüberfällen, Totschlag und Mord. Punkt. In Gerasdorf sitzen keine Leute die einen Zigarettenautomaten aufgebrochen haben. Das war nur meine persönliche sozialromantische Vorstellung davon. Die haben mehr ausgefressen. Das sieht man den Leuten (Jugendlichen) nicht an, denn keiner entspricht dem Klischee eines Häftlings. Sie sind ruhig, diszipliniert, teilweise sogar demütig und überlegt – als Gemeinschaft zielstrebig. Das Gewesene haben die meisten hinter sich gelassen und verarbeitet, so ganz sicher sind sie sich nicht ob das alle anderen (nämlich deren Opfer) auch haben. Jedenfalls hat die lange Zeit hinter Gittern sie zu anderen Menschen gemacht.

Gerasdorf bietet den Jugendlichen ein wenig mehr als Gitter. Eine Ausbildung, eine Aufgabe, ein sortiertes Leben, Ablauf, Regeln, beiderseitigen Respekt und eine Aussicht dem Schlamassel (aus dem die meisten stammen) in der „Zeit danach“ zu entkommen. Sport – in dem Falle American Football – soll einer der sozialen Anknüpfungspunkte sein. Für einen soeben entlassen inhaftierten Jungen bleibt nicht viel über um sozial zu interagieren. Sport ist hier ein wertvoller Katalysator. In einer Mannschaft ist man einer unter gleichen und respektiert. Jetzt laufen wir aber raus!

Motivationsterrorist Schneider
Das Wichtigste wenn man das Feld betritt oder verlässt ist für Armin Schneider, dass das Team versteht, dass es ein Team ist. Also werden zuerst mal Huddle Rituale einstudiert. Mario Göpfert dazu lakonisch: „Ruf mich, wenn er fertig ist.“ Nach ein paar Minuten war es soweit, die Truppe schrie unüberhörbar und zu Schneiders Freude ein „was auch immer“ und man ging in fast medias res.

Are we shooting, or what?
Spielen wir jetzt Football, oder was? Eile mit Weile. Jetzt wärmen wir mal ordentlich auf. Laufen, Dehnen, Strecken und Beugen. Einteilung in Units. Die schweren Liner zum Specki, die Offense zu Doc Snyder und die Defense ins Göpferl. Einer der Jungs wirft den Ball aus der Hüfte (!) beinahe über das ganze Feld – ein Quarterback? Derart mal aufgeteilt in Einheiten entsteht zuerst mal haltloses Chaos. Wer ist wer und vor allem wo ist man zu Hause? Warum darf ich (CB) meinen Zellennachbar (WR) nicht umhacken, wenn er vor mir herumläuft? (man mag sich) Was heisst hier Holding und was Pass Interference? Warum pustet der Trainertyp dauernd in sein Trillerpfeife? Was, schon wieder ein Foul? Offside, dabei war ich noch vor dem letzten Mann? Sie können es sich vorstellen? Gut.

Es wird erklärt, belehrt, ein- und angewiesen. Langsam wird der Truppe bewusst, dass das was ihnen in der Theorie erklärt wurde, sich auch in der Praxis wieder findet. Einfach loslaufen und zulangen ist nicht. Klarheit hält Einzug. Man diszipliniert sich, versucht das Spiel nach seinen Regeln aufzubauen und gewinnt an neuen Einsichten. Nach knapp einer halben Stunde entstehen die ersten wirklich sinnvollen Spielzüge, nach weiteren 30 Minuten sogar durchaus sehenswerte. Die Herren lernen schnell, also bekommt das Ganze rasch ein Gesicht. Gleichzeitig stechen erstmals einzelne Spieler heraus (ein Fullback, ein Receiver, ein Linebacker) und die Nachzügler eifern den Naturtalenten nach. Am Ende des Trainings weiss jeder wo er steht. Ich bin Safety – ich stehe aber nur tief bei einem Passspiel – sonst geh ich weiter vor. Ich bin D-Liner und muss den Specki von vorne umhauen. Ich bin Runningback und suche meine Lücken in der D-Line und Secondary! Well, well.

Verwunderung beim Anstaltspersonal hält Einzug. Derart engagiert habe man die Jungs nicht mal beim Fussball bisher erlebt. Weiter so!

Nach dem ersten Training im Freien bekennen sich alle Spieler zum Team – Wir sind dabei! Am kommenden Sonntag wird das erste Training in Ausrüstung stattfinden, worauf man gespannt sein kann. Es wird der zweite Häfen Ausflug meines Lebens und mit ein wenig Glück wird man mir gestatten Fotos vom jail practice zu schiessen.

Der Plan
Am 23.09.2005 wird im Rahmen des Sportfestes am Platz der Jugendvollzugsanstalt auch ein American Football Match stattfinden. Mit allem was dazugehört – Pre Game, Aufwärmen, Pyrsohow, Cheeleeader. Das Team der „Bad Boys Gerasdorf“ (Name wird noch gesucht) hat nun noch vier Sonntage Zeit sich darauf vorzubereiten. Man lässt sie dabei natürlich nicht ganz alleine – neben dem Coaching, werden ab nun auch erfahrene Spieler der Bruins im Team eingegliedert um hier auch die nötige Ruhe hinein zu bringen. Ihnen wird ein Auswahlteam – ebenfalls von den Bruins zusammengestellt – gegenüberstehen. Man wird darauf achten, dass beide Teams ungefähr gleich stark sind und kein böser Bube einen Blödsinn anstellt.

Selbstverständlich werde ich Ihnen auch von diesem Match Bericht erstatten.
JVA GERASDORF TRAINING 28.8.2005

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