Aber verglichen mit dem ewig aufgewärmten Drama, ob Favre nun Opa ist oder nicht, blieben den Erschütterungen vergleichsweise leise. Das wird sich ändern, denn das Nachspiel dieses Trades, das fängt erst am Sonntag an.

Kevin Kolb übernimmt das Ruder einer passlastigen Eagles-Offense, die es unter McNabb gewöhnt war, in den Januar hineinzuspielen. Auch wenn McNabb niemals die Super Bowl gewann, so garantierte er konstanten Erfolg. Kolb ist als mehr oder weniger unbeschriebenes Blatt (ein paar gute, ein paar schlechte Spiele als McNabb-Backup) ein großes Fragezeichen in einer Offense (und einer Stadt), die Fragezeichen nicht mag. Das Problem liegt hierbei nicht in seiner eigenen Fähigkeit: Er mag zwar nicht den Arm von McNabb haben, aber er ist präziser. Auf Kolbs Können kann man problemlos eine Offense aufbauen. Die Frage wird sein: Kann sich das Team auf Kolb einstellen? Kann Kolb das Team an sich reißen? Wird Andy Reid weniger Big Plays und mehr underneath versuchen, jetzt, wo er eine präzise Timing-Maschine, keine wuchtige Kanone under center hat? Wird die O-Line Kolb das Leben erleichtern, oder erschweren?

Das alles sind Fragen, die vor zwei Jahren in Green Bay auch gestellt wurden, als Aaron Rodgers in einer relativ ähnlichen Position die West Coast-Offense einer Legende übernahm, die ebenso für konstanten Erfolg stand. Das Ergebnis damals war anfangs fraglich, auch wenn Rodgers selbst nicht viel dafür konnte: Seine Line und das Playcalling brauchten eine ganze (wenn man böse sein will: eineinhalb) Saison(en), um Rodgers‘ Potential zur Entfaltung zu bringen. Von 6-10 auf Super Bowl-Favorit ist eine Trajektorie, die Kolb auch bevorstehen könnte. Deswegen darf nicht zu viel Panik gehegt werden, sollte am Anfang nicht sofort alles funktionieren. Derartig gewichtige Wechsel brauchen Zeit, und das Matchup am Sonntag ist die perfekte Erinnerung dafür.

Zum Matchup selber sollte man festhalten, dass die Packers eben aufgrund dieser zwei Jahre ‚Vorsprung‘ auf der Offense-Seite zu favorisieren sind.

Rodgers‘ vielleicht größte Stärke ist sein Spiel under pressure, und die Eagles-Defense lebt von pressure. Besonderes Augenmerk muss man auf Jermichael Finley legen, der seine prognostizierte Breakout-Seson mit einem guten Spiel gegen die Eagles beginnen möchte. Mike McCarthys Playcalling im Augen zu behalten, ist auch sicher nicht verkehrt, denn sollte der Druck der Eagles groß werden, muss er vor dem Panik-Modus aufpassen, der Rodgers schon die Jahre zuvor wertvolle Zeit gekostet hat: Zu viel Protection tut ihm nicht gut. Sollte Andy Reid McCarthy dazu bringen können, in Hälfte zwei 7-Mann-Protection-Schemata zu bringen, wird das eine ganz knappe und spannende Angelegenheit. Sollte aber Rodgers problemlos sein phantasievolles West Coast-Timing umsetzen können, hat Eagles Defensive Coordinator Sean McDermott Grund zur Besorgnis.

Das Material dazu, Rodgers zu stoppen, hätte er eigentlich. Neben Stud Trent Cole wird Rookie Brandon Graham starten, der in der Preseason fleißig ausgesehen hat. Dahinter sind mit Juqua Parker und Daryl Tapp zwei DEs Backup, die woanders starten könnten. Ob diese Truppe die beiden alten Packers-Tackles Mark Tauscher und Chad Clifton überrumpeln kann, wird wegen dem oben angesprochenen Panik-Modus, den es bei McCarthy auslösen könnte, ein key matchup sein. Die Rückkehr von MLB Stewart Bradley ist der Hoffnungsschimmer eines ansonsten nicht sehr glücklich aussehenden Linebackercorps. Bradley könnte auch massiv daran beteiligt sein, dass Ryan Grant wirklich in ein Loch fällt, wie es sich in der Preseason leicht angedeutet hat. Bradley muss außerdem wie verrückt tackeln (z.B. Finley – viel Spaß dabei), denn die Eagles Secondary, die in den letzten Jahren abgebaut wurde, kann das tendenziell nicht. Rookie Nate Allen startet auf FS und neben Asante Samuel spielt Ellis Hobbs Corner. Kommt uns bekannt vor? Samuel und Hobbs sind das letzte CB-Duo, das Starter in einer perfect season war, damals bei den Patriots. Spannende Reunion, gerade auch, weil in dieser Rebuild-Phase der post-Jim Johnson-Ära dieser Defense etwas etablierte Chemie gut tun wird.

Reicht der Pass Rush?

Ist also auf der defensiven Seite der Eagles die Frage zentral, ob der pass-rush Rodgers und McCarthy genug ins Schwitzen bringen wird, muss man sich auf der Offense-Seite ähnliche Fragen auch bei Kolb stellen. Die Eagles-O-Line war plötzlich nicht mehr Elite als Verletzungspech einsetzte letztes Jahr, und wie geheilt alle Wunden sind, ist völlig unklar. Ein etabliertes Laufspiel mit Westbrook-Nachfolger LeSean McCoy fehlt noch und wird bei Reids Philosophie und der Packers-Laufdefense wohl auch nicht erscheinen am Sonntag. Und Kolb selber muss sich wie oben erwähnt erst reinfinden in seine neue Rolle. Wie jeder junge QB in dieser Situation hängt er massiv von der O-Line und dem extrem fragwürdigen Blitz-Pickup von McCoy ab, vor allem, weil er kein Scrambler ist. Das letztes Jahr von McNabb herausgebildete WR-Corps ist jung und sehr dynamisch und freut sich wohl über präzisere Bälle, auch wenn DeSean Jackson womöglich deep nicht so viel Freude haben wird gegen Charles Woodson, der gerade eine Vertragsverlängerung erhalten hat. Überhaupt ist die Packers-Defense letztes Jahr, dank der 3-4-Umstellung von Dom Capers plötzlich in allen Belangen sensationell gewesen, und nur Big Ben und Kurt Warner konnten ihr was antun. Der damals verwendete Fokus auf Spread-Konzepten könnte der Hinweis für Andy Reid sein, wie er am Sonntag vorgehen könnte, und an genug Anspielstationen dürfte es Kolb nicht mangeln, jetzt wo neben den letztjährigen WR-Fixstartern auch Camp-Star Riley Cooper und TE Brent Celek gefährliche Waffen sind.

Die Packers-Defense hat aber abgesehen von dieser Spread-Achillesferse kaum Schwächen. Die Line ist brutal, die Linebacker rund um letztejährigen Rookie-Star Clay Matthews schnell und gegen den Lauf unerbittlich, und in der Secondary spielt der 2009 Defensive Player of the Year, Charles Woodson. Die Tatsache, dass Al Harris nicht neben Charles Woodson auflaufen kann, und Tramon Willims seinen Platz einnimmt, sollte nur ein weiterer Hinweis darauf sein, dass die Eagles versuchen werden, das ganze Feld jenseits von Woodson und viele verschiedene Anspielstationen auszunützen.

Das Spiel selber verspricht also mindestens so interessant zu werden, wie das Narrativ rundherum. Denn Rodgers‘ Erfolg – so viel hat Reid bereits offiziell zugegeben – war für die Kolb-Entscheidung ein Mitgrund, insofern ist der Beginn der Kolb-Ära ausgerechnet gegen Green Bay ein herrliches i-Tüpfelchen dieser Saison, in der sich junge Nachfolger auch medial aus den Schatten ihrer erfolgreichen Vorgänger zu lösen versuchen. Lasst uns die Successors to Success im Auge behalten, denn schon diese Saison könnten sie relevanter als ihre Vorgänger werden.

Marko Markovic ist Redakteur bei Football-Austria.com.
Sie erreichen Ihn unter [email protected]

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