Berichte, Analysen und Emotionen, all dies von Martin Pfanner zusammengetragen

Neben Momenten die möglichst rasch enden sollten (wie etwa unangekündigte Schwiegermutterbesuche oder dergleichen) gibt es selbstverständlich auch jene auf die dies nicht zutrifft. Solch ein Augenblick konnte am gestrigen Samstag um exakt 17:03 Uhr Grazer Ortszeit am Sportplatz Eggenberg erlebt werden. Einerseits strahlende Sieger, andererseits niedergeschlagene Verlierer. Verständlich, das ist Sport, so lauten die Gesetze eines Endspiels. Am Ende muss sich eine Mannschaft im Lichte des Erfolgs sonnen, am Schluss muss es aber auch eine geben, die den Kürzeren zieht.

Doch es war nicht das Gebaren der Akteure, die diesen Moment unvergesslich machten. Eher die retrospektive Betrachtung einer Partie, die als eine der denkwürdigsten überhaupt in die Annalen der österreichischen Footballhistorie eingehen wird. Ein Spiel in dem sozusagen alles drin war, alles was diesen Sport ausmacht und wofür er von so vielen geliebt wird. Härte, Athletik, Kampf, Leidenschaft, Engagement, Courage, Glück, Versagen. Wenngleich sich diese Liste unendlich fortsetzen ließe belassen wir es dabei. All dies konnte in den vorangegangenen drei Stunden erlebt werden. Gänsehautfeeling pur in Graz. Doch (vorerst) genug des Pathos.

Schwimmen statt Football
Ein wenig Gänsehaut machte sich dennoch schon bemerkbar als im Vorfeld die österreichische Nationalhymne live intoniert wurde. Wohlgemerkt, nur die österreichische. Wozu auch eine andere, es handelte sich ja schließlich um eine sporthistorische Angelegenheit mit rein österreichischer Partizipation. Gnädigerweise wurden zwei Strophen vorgetragen damit der öffentlich-rechtliche Rundfunk wie gewohnt auch sämtliche Spieler abfilmen konnte.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt musste den geschätzten 800 Zuschauern das personelle Ungleichgewicht der beiden Mannschaften aufgefallen sein. 24 Spieler auf Seiten der Hohenemser, ungefähr 40 bei den Grazern. Ein schlechtes Vorzeichen, zeigte das Quecksilber doch beständig 34 Grad an. Das frivole Quietschen und Gejaule aus dem voll gestopften, direkt ans Spielfeld angrenzende, Freibad ebenso wie das etwas lethargische Gehabe der Zuschauerkulisse waren der Atmosphäre da noch nicht unbedingt zuträglich. Diejenigen die sich allerdings eingefunden hatten, sollten ihr Kommen nicht bereut haben.

Vorarlberger Blitzstart
Der Beginn des Spiels war auf beiden Seiten zerfahren. Nervosität aber auch toll aufspielende Defensivabteilungen zwangen beide Teams beim ersten Ballbesitz zum Punten. Da aber wie so oft aller guten Dinge drei sind wurde der Punktereigen in der dritten Angriffsserie der noch jungen Partie eröffnet. Der sichtlich erholte Tony Sutton erzielte aus kurzer Distanz mittels kraftvollen Laufes das 7:0 (PAT Martinz good). Vorangegangen war dem ein solider Devils Drive der durch eine Conversion bei 4th Down (Pass Toby Henry auf Christian Steffani) am Leben gehalten werden konnte.

Eine Antwort der Grazer blieb nachfolgend aber aus. Wie noch öfters in dieser Halbzeit kam immer auf Höhe der Mittellinie Sand ins Getriebe der steirischen Angriffsmaschinerie. Thomas Ricks stand unter konstant starkem Druck der Devils D-Liner, die zudem noch brav gegen die spärlich eingesetzten Grazer Läufe verteidigten. Besonders herausragend zu diesem Zeitpunkt war aber die Deckungsarbeit vom erst 18-Jährigen WR Benjamin Fussenegger der die Bemühungen von Klaus Geier, in der Austrian Bowl noch Leistungsträger und Leading Receiver, im Zaum halten konnte.

Auch die nächste Angriffsserie ging klar an die Gäste. Personelle Probleme hin oder her, es wurde toll aufgespielt. Toby Henry, der bei Passing Downs auch immer wieder in der Defense zu finden war, musste zwar des Öfteren um sein Leben laufen, fand aber bei 2nd&long kurz vor der Endzone einen dankenden Abnehmer in WR Robin Haas. RB Sutton wühlte sich sodann zum TD und dem 0:14 (PAT good) in die Endzone.

‚Herz brauchma‘
Bezeichnend für das Spiel der Steirer war der nächste Angriff. Spielzug um Spielzug biss man sich in der Defensive der Vorarlberger fest, dann kam auch noch Pech dazu. Ein langer Pass bei 3&17 auf Ponce de Leon wurde vom Schiedsrichter als incomplete gewertet. Es hätte 1st&goal an der 1, wenn nicht sogar Touchdown Giants heißen müssen. So hieß es für die Hausherren einmal mehr Punt.

Mit dem Momentum im Rücken und drei Minuten auf der Uhr gaben sich die Emser weiterhin wenig Blöße, zeigten sich auch angesichts zahlreicher Strafen unbeeindruckt und erhöhten kurz vor Halbzeit nochmalig. Christian Steffani ließ die blau gelben DBs Fersengeld bezahlen und es dann auch zum dritten Mal in der Endzone klingeln (PAT Martinz an die Stange). 0:20, ein Ergebnis mit dem selbst kühnste Optimisten kaum gerechnet hätten, war dann auch der Pausenstand.

Kritisch ging es dann bei der Analyse der ersten Spielhälfte zu. ‚Herz brauchma‚ wusste Armando Ponce de Leon zu berichten. Also eigentlich genau das was die Blue Devils die ganze erste Halbzeit über vorexerziert hatten. Dort meinte der bis dato überragende Tony Sutton, dass es noch zwei solche Viertel vonnöten wären. Es galt schließlich den größten Erfolg der Vereinsgeschichte unter Dach und Fach zu bringen.

Schrillende Alarmglocken
Zumindest die Worte von Sutton fanden dann sogleich auch Gehör. Trotz einer 1st&goal Situation an der 7, die Klaus Geier durch einen langen Catch eingeleitet hatte, vermochten es die Steirer nicht den Ball in der Endzone unterzubringen, Turnover on Downs. Durch eine fragwürdige Pass Interference Strafe von der 22 startend, fumbelte Christian Steffani nach einem End Around an der eigenen 47 den Ball in die Hände des amtierenden EFAF-Cup-Siegers.

Spätestens jetzt schrillten die Alarmglocken auf Grazer Seite. Es musste etwas passieren um die Partie noch zu biegen. Unzählige Chancen waren bislang ausgelassen worden, so auch im vergangenen Drive. Doch da steter Tropfen auch irgendwann den Stein höhlen muss, verzeichnete Nationalspieler Armando Ponce de Leon Mitte des dritten Spielabschnitts endlich den Anschluss-TD zum 7:20 (PAT Kipperer).

Self-Destruction Teil 1
Was die Devils über die Saison gesehen (negativ) ausgezeichnet hat, war deren Fehleranfälligkeit. Bislang von den Grazern immerhin (noch) nicht bestraft, wie etwa bei den häufigen Offsides und False Starts. Der berüchtigte teuflische Self-Destruction-Mode kam dann aber voll in die Gänge. Bedeutet im Klartext: Fumble durch Steffani in der Red Zone (nach tollem Hit von LB Darwin Lewis) und gleich im Gegenzug bei viertem Versuch an der 10 einen TD-Pass von Thomas Ricks (nach einem unfassbaren sieben Sekunden Scramble) auf Mohammed Muheize (14:20, PAT Kipperer). Wie ein Receiver nach einem derart langen Spielzug noch dazu in Dreifachdeckung einen Pass in Empfang nehmen kann, gab wohl nicht nur Devils HC Francisco Lujan Rätsel auf.

Noch schlimmer der anschließende Kickoff. OL/K Christoph Kipperer hielt direkt auf Devils DB David Lamprecht zu, die Schweinehaut prallte an Lamprecht ab, sprang wild umher und wurde von den Giganten gesichert. Wenige Spielzüge später war es dann passiert. Florian Mittl brach nach einem der rar gesäten Läufe durch die Mitte durch und trug das Ei 37 Yards weit in das gelobte Land. Christoph Kipperers Extrapunkt saß und nach dreieinhalb Viertel war der Führungswechsel erstmalig vollzogen.

Self-Destruction Teil 2
Vollkommener Wahnsinn was sich nun abspielte. Auch der folgende Onside-Kick wurde von den Giants recovered. Lukas Kadek berührte in einem Versuch den Ball zu sichern selbigen und wieder gab es 1&10 für die Mannen von HC Rick Rhoades. Auch wenn den Vorarlbergern die Erschöpfung mehr als anzumerken war, so war das Eingehen viel eher durch Individualfehler bedingt als es die beschriebenen Spielsituationen vermuten lassen. Kurz danach legte der famos spielende Mohammed Muheize los. Die anfängliche Angriffsschwäche war verschwunden, das Heil im Lauf gefunden. In einem Akt unheimlicher Körperbeherrschung entging Muheize auf dem sicheren Weg ins Aus zahlreichen schwarzen Tacklern hielt seine Füße wie durch ein Wunderim Spielfeld und besuchte abermals die Endzone. 28:20 und der Vorarlberger Widerstand schien gebrochen. Allerdings nur fast.

Der letzte Strohhalm
Bedingt durch eine dumme Unsportsmanlike Conduct Strafe vom sonst so vorbildlich agierenden Gregor Kodella durften die Teufel nochmals TD-Luft schnuppern. So kam es wie es kommen musste um die Dramaturgie der Partie auf den Höhepunkt zu treiben. Erneut sollte es Steffani, längst von Krämpfen geschüttelt und von Entkräftung gekennzeichnet, sein, der mit letzter Kraft einen TD-Catch verbuchte.

28:26, nurmehr eineinhalb Minuten zu spielen, alles musste auf eine Karte, sprich 2-Point-Conversion, gesetzt werden. Eine ganze Saison stand zur Disposition, dieser eine Versuch entschied über Erfolg oder Misserfolg. Snap zu Henry, Handoff zu Sutton, doch drei Grazer waren sofort auf ihrem Posten. Keine 2-Point-Conversion, kein Ausgleich, kein Vorarlberger Europacupsieg. Im wahrsten Sinne des Wortes eine gigantische Aufholjagd die ihr Ende genommen hatte. 28:26. Zwei Punkte betrug der Unterschied zwischen personell ungleichen, keinesfalls aber spielerisch ungleichen Mannschaften.

Ausgelassene Stimmung bei den Giants, fassungslose Bestürztheit im teuflischen Lager. Worte können die Bandbreite der vorherrschenden Gemütslagen nur schwer beschreiben.

Teuflischer Ausblick
Während bei MVP Armando Ponce de Leon und den Seinen ausgelassen gefeiert wurde, war das blanke Entsetzen bei den Vorarlbergern förmlich greifbar. Tragische Figur war hier Devils Kicker Remo Martinz, der den, über eine mögliche Verlängerung entscheidenden, Extrapunkt an den Goalpost gesetzt hatte. Der 44-Jährige, damit gleichzeitig ältester AFL-Spieler, gab im Interview unter Tränen der Enttäuschung zu Protokoll, dass es dies für ihn gewesen sein könnte. Vielleicht hat der Leitwolf damit Worte von sich gegeben, die nicht nur auf seine persönliche Situation zutreffen. Auch für die Cineplexx Blue Devils könnte es das in der AFL gewesen sein, wenn man den zahlreichen Gerüchten rund um einen möglichen Abstieg in die Division I Glauben schenken darf.

Verfluchte Vorarlberger
Zwei Dinge hat dieses Footballfest in Graz Eggenberg gebracht. Zum einen das beste Spiel der 2007er Saison (Honorable Mention: Raiders vs. Bergamo), zum anderen die Erkenntnis, dass die Blue Devils längst nicht so tot sind, wie sie von manchen hingestellt wurden. Auch mit nur 24 Spielern, einer für American Football absolut inferioren Spieleranzahl, wurde ein beherzter und aufopferungsvoller Kampf geboten. Erklärungsversuche, warum es dennoch nicht geklappt hat, folgten sogleich. Ein Import der Emser glaubt für eine verfluchte Mannschaft zu spielen. Egal wie sehr man sich bemühe, egal wie sehr man sich verausgabe, am Ende reiche es dann doch nie.

Sicherlich eine unvollständige Analyse der Situation, vielleicht aber mit einem Fünkchen Wahrheit. Ein rationaler und weniger emotionaler Zugang lässt sich woanders finden. Warum stellen die Wiener Wikinger die Creme de la Creme dar , weshalb sind die Raiders bei kleinen Dingen besser als die Emser. Es geht um Kontinuität. Beispielsweise bei der Personalsituation aber auch im Coaching, die es so eigentlich nie gab. HC Francisco Lujan und sein Assistent Luis Ignaeio leisteten tolle Arbeit um die Truppe fürs Finale vorzubereiten. Diese muss fortgesetzt werden um das Team weiter an die AFL-Spitze heranzuführen (oder vom Tabellenende wegzuführen). Unnötige Strafen, mentale Fehler, spielerische Feinheiten, all dies gehört ausgemerzt. Nachwuchsspieler (von denen es entgegen vieler anders lautender Stimmen auch in Vorarlberg Gute gibt) gehören implementiert. Ob es tatsächlich dazu kommen wird, hängt von den Entscheidungen des Blue Devils Vorstands ab. Dass diese Niederlage nicht unbedingt als solche gewertet werden sollte, sondern angesichts der Selbstzerfleischung der Spieler als moralischer Sieg gefeiert werden kann, könnte bei den anstehenden Entscheidungen dienlich sein.

Giants 28, Blue Devils 26. So lautete das Endergebnis. Eine unglaubliche Partie, ein Footballspektakel sondergleichen. Werbung für den Sport par excellence. Wollen wir hoffen, dass es das nicht gewesen ist. Weder mit österreichischen Europacupsiegen, noch mit derart sensationellen Spielen und schon gar nicht erst mit erstklassigen (Achtung: doppeldeutig) Hohenemser Blue Devils.

Glückwunsch an die Graz Giants, Glückwunsch an die Hohenems Blue Devils!

Martin Pfanner

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