Die Tiroler stecken mit ihrer AFL-Mannschaft und der semiprofessionellen Franchise auf europäischer Ebene fest – und das bereits seit Jahren. Das einstige Powerhouse des österreichischen Footballs ist vom unangefochtenen Aushängeschild über den Mitläufer zu einem Nachzügler geworden. Ein Kommentar zum beispiellosen Absturz in Innsbruck.

15 Spiele haben die Herren der Raiders heuer absolviert, alle 15 gingen verloren. Eine Serie, die es in der Geschichte des erfolgsverwöhnten Tiroler Programms bislang überhaupt noch nie gab. Dass zuletzt auch noch das formidable Damenteam strauchelte – seit 2024 ungeschlagen und zweifache Meisterinnen verloren sie ihre letzten beiden Spiele gegen Wien und Salzburg –, ist da wohl noch das geringste Problem von Silver & Black.

Was könnten die Gründe für diesen Absturz sein? Denn anders kann man die Entwicklung seit dem Jahr 2022 schlichtweg nicht mehr bezeichnen.

Der Spagat zwischen national und international ist nicht zu heben

Der Einstieg in die European League of Football (ELF) 2022 war noch mit viel Vorfreude und positiver Energie verbunden. Aus heutiger Sicht geriet man dadurch aber in eine klassische Lose-Lose-Situation. Zwar erreichte man in der Premierensaison auf Anhieb die Playoffs der ELF – es war jedoch gleichzeitig der bis heute einzige Post-Season-Auftritt der Mannschaft, der mit einer Niederlage gegen Hamburg endete. Im selben Jahr spielte man parallel dazu die erste von zwei bitteren 0-10-Saisonen in der Austrian Football League (AFL).

Seither versucht man vergeblich, ein internationales Playoff zu erreichen. Die drei folgenden Spielzeiten in der ELF beendete man zwar immer mit einer positiven Bilanz von 8-4, was aber kein einziges Mal mehr für eine Verlängerung der Saison ausreichte. Gegen die Top-Teams tat man sich zunehmend schwer. Besonders hart waren die acht Aufeinandertreffen mit dem „Erzfeind“ aus Wien: Alle acht Begegnungen gingen an die Vienna Vikings. Massive Probleme hatte man auch mit den deutschen Teams aus Stuttgart, München und Düsseldorf – und sogar einmal mit Köln. 2025 kam dann noch Madrid als Stolperstein dazu.

Heuer lief es international noch bitterer: Gegen München, Kopenhagen, Frankfurt, Paris und zuletzt Prag zog man jedes Mal den Kürzeren. Der Glanz vergangener Tage ist verflogen – jene Zeiten, als man noch den Eurobowls gegen Wien, Paris und Berlin oder – gar nicht so lange her – ein ECTC-Finale gegen die Vikings gewann, wirken meilenweit entfernt.

Auch national ist die Bilanz ernüchternd. Holte man von 2015 bis 2021 noch fünfmal die Austrian Bowl nach Tirol, steht man in der AFL seit 2022 bei einer desaströsen Bilanz von 9-41. Die beste Platzierung in diesem Zeitraum war lediglich ein fünfter Platz in den Jahren 2024 und 2025.

Fragwürdige Personalien und Abgänge der Aushängeschilder

Ganz schwer zu verstehen sind manche Personalentscheidungen der jüngeren Vergangenheit – und das betrifft nicht nur jenes des Managements der Raiders, sondern auch deren einstige Aushängeschilder auf dem Platz und an der Seitenlinie. Rekord-Quarterback Sean Shelton blieb nach seinem Karriereende nicht in Innsbruck, sondern wechselte als Manager nach München. Ihm folgten Coach Kyle Callahan und Nationalteamspieler Christoph Nitzlnader.

Besonders die Causa Sandro Platzgummer wirft Fragen auf: Nach seiner Rückkehr von den New York Giants spielte er eine Saison bei den Raiders. Nach einer Verletzung wechselte er im Folgejahr nach Frankfurt. Konnte man die Entscheidung aufgrund seines dortigen Studiums in dem Jahr noch irgendwie nachvollziehen, war die Überraschung deutlich größer, als er im Jahr darauf bei der Galaxy verlängerte, anstatt nach Innsbruck zurückzukehren. Da stimmt also etwas ganz gewaltig nicht hinter den Kulissen. Platzgummer hat sich dazu in der Öffentlichkeit zwar nie geäußert, aber sein Handeln sprach Bände: Kein Comeback bei den Raiders. Das ist harter Stoff, wenn man sich seine Football-Vita anschaut, die eigentlich untrennbar mit den Raiders verbunden ist.

Das Quarterback-Karussell und die Hoffnung Shuan Fatah

Seit dem Abgang von Sean Shelton befinden sich die Tiroler auf der wichtigsten Position im „Versuch und Irrtum“-Modus. Der aktuelle Spielmacher, Steven Krajewski, ist nach Tyler Knoop, Conor Miller, D’Angelo Fulford, N’Kosi Perry, Joe Dolincheck und Christian Strong bereits der siebte Starting-Quarterback der Raiders in vier Saisonen. Rechnet man die kurzzeitigen Einspringer Kason Martin und Adrian Platzgummer dazwischen noch mit ein, kommt man sogar auf neun. Diese Spuren der Cleveland Browns führten im Football noch nie zum Erfolg.

Auch auf der Trainerbank gab es Unruhe. Nach der Trennung von Erfolgscoach Shuan Fatah folgte Kevin Herron (der später ebenfalls nach München ging), welcher Fatahs Erfolgsweg noch halbwegs fortführen konnte. 2023 kam Ulz Däuber, der davor die German Bowl nach Dresden geholt hatte, als General Manager an den Inn. Dieser verpflichtete wiederum Jim Herrmann als Cheftrainer. Der US-Amerikaner gewann einst einen Super Bowl im Staff der New York Giants und brachte etliche US-Coaches mit nach Innsbruck. Im Raiders-Staff befanden sich daraufhin nur mehr vereinzelt Trainer aus Österreich. Erfolg brachte dieser radikale Umbruch jedoch keinen. Man steckte erneut bei einer 8-4-Bilanz fest. Und Herrmann war wieder Gesichte.

Nun greift man wieder auf den Mann zurück, der den Raiders die bisher größten Erfolge bescherte: Shuan Fatah. Er soll es nun richten. Das ist sicher keine dankbare Aufgabe, denn es scheint generell etwas faul im Land Tirol zu sein, das ein Head Coach allein eventuell gar nicht beeinflussen kann. Zudem war der Berliner in seiner ersten Ära in Tirol und beim Nationalteam für vieles bekannt, aber der Ruf einer sanften Integrationsfigur hängt ihm nicht unbedingt nach.

Fazit: Harte Arbeit statt Zweckoptimismus

Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt der eigene Nachwuchs. Die U18 sicherte sich 2024 und 2025 die Meisterschaft, die U14 triumphierte 2023 und die U16 im Jahr 2022. Das war früher zwar auch schon mal dominanter, aber die Basis ist nach wie vor vorhanden.

Es wird in Zukunft jedenfalls nicht ausreichen, die Wiederkehr des Erfolgs einfach nur herbeizubeten oder die aktuelle Misere auf vermeintlich knappe Ergebnisse herunterzukochen, um wieder in die Spur zu finden. In der Off-Season muss an etlichen Stellschrauben gedreht werden. Die Alternative wäre, sich an die neue Situation zu gewöhnen – nämlich, dass man im nationalen und internationalen Football keine Hauptrolle mehr spielt. Letzteres ist aber allein aufgrund der stolzen Historie der Raiders eigentlich völlig ausgeschlossen.

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1 Kommentar
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Claudia Preitfellner
Claudia Preitfellner
30. Juni 2026 14:39

Ja, man weiß eigentlich gar nicht, was man da sagen soll. Es ist schockierend. Ich hatte immer die Hoffnung, Sandro kommt doch noch zurück, aber das geschah nicht. Dann habe ich auf Shuan gehofft, der kam zwar, aber es ist schlimmer als jemals zuvor. Uns fehlt ein talentierter, ehrgeiziger QB. Es muss doch irgendeiner Sean ersetzen können. Das kann doch gar nicht sein…! Im Moment sehe ich keinen Hoffnungsschimmer am Horizont. Denn obwohl es einen gewissen Kern der Mannschaft zwar noch gibt, wenn nicht einen Großteil, befinden wir uns in einer Abwärtsspirale.