Fünf Teams gingen an den Start, erstmals nahm eine Mannschaft teil, welche nicht aus Deutschland stammt – die Vienna Knights. Man hatte sich das Ziel gesteckt mit dem Pokal wieder nach Hause zu fahren. Davon war man dieses Jahr noch ein gutes Stück weit entfernt.

Die Gegner, allesamt Teams aus deutschen Landesligen, ebenso drittklassig wie die Wiener. Einige davon jedoch mit ein wenig mehr Erfahrung im Hallenfootball als die schwarzen Ritter ausgestattet, welche zum ersten Mal in diese Art von ‚Arena Football‘ schnupperten. Das Ziel daher in weiter Ferne, wie der Harz selbst.

Rinks oder Lechts?
Bereits die Anfahrt bereitete Schwierigkeiten. Der ungarische Busfahrer (man fuhr mit dem Bus der Wolves, welche kurzfristig abgesagt haben), sprach kein Wort Deutsch und 6 Wörter Tankstellenenglisch, wartete beharrlich darauf daß ihm irgendwer sagt wo es langgeht. Viele Navigatoren verderben den Kurs. So landete man fast überall im ehemaligen Osten, man lernte neben Dresden und Leipzig, auch Kleinstädte wie Chemnitz, Jena und Halle kennen, aber erst nach 14 Stunden Busfahrt war man dort wo man ursprünglich hinwollte. Werningerode, eine gar liebliche Kleinstadt, bekannt durch sein Fachwerk Rathaus und dem Stadtteil Hasserode, wo das Hasseröder Premium Pils gebraut wird. Es war also zwei Uhr am Morgen als man sich im Matratzenlager zur Ruhe begab – Tagwache für die Spieler war keine 5 Stunden danach.

Voll des Tatendrangs und trotz der kurzen Regenrationszeit bestens drauf, träumten die Ritter also vom Gewinn der Bowl, wurden aber bereits in ihrem ersten Match wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt. Das 0:26 gegen die späteren Champion Magdeburg Virgin Guards (zum dritten Mal Gewinner der Brockenbowl) sorgte für Ernüchterung. Dem ungewohnten Spiel, wie dem noch wesentlich unorthodoxeren Regelwerk, wurde man aber bereits in der zweiten Partie Herr. Aber auch gegen die Obertshausen Blizzards aus Hessen reichte es nur zu einer knappen Niederlage (12:14). Die Blizzards waren das einzige Team mit einem Amerikaner am Roster (QB), sorgten aber vor allem deshalb für Furore, weil sie nur mit 12 Mann das Turnier durchspielten und am Ende auf Platz 3 landeten. Sie wurden als Team deshalb vom Veranstalter mit dem MVP Titel geehrt.

Das Spiel um die Bowl machten sich aber andere Teams aus. Vorneweg die Virgin Guards, aber auch der Gastgeber, die Wernigerode Mountain Tigers, überzeugten mit gekonnten Hallenfootball.

Zwischenzeitlich sorgten die Wiener für den höchsten Sieg im Turnier. Überraschend, aber dennoch völlig verdient, fertigten sie die Magdeburg Orcas kurzerhand mit 30:0 ab, hatten vor ihrem letzten Match plötzlich noch die Chance auf den zweiten Platz im Turnier. Das positive Ergebnis diese dritten Spiels, stand eine Verletzung von QB Christian Nowotny gegenüber. Der 33-jährige ehemalige Rangers Spieler blieb nach einem Tackle mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck liegen. Es hatte was Gröberes an der Schulter, dazu gesellten sich Kreislaufprobleme und Übelkeit. Es sah kurzzeitig gar nicht gut aus um den Mann. Knights Organisatorin Claudia Siegl raste mit Nowotny ins Krankenhaus, wo beim Röntgen ein Bruch des Schlüsselbeins festgestellt wurde. Er wollte heuer noch eine letzte Saison bei den Knights anhängen. Sein Ersatz, Junior Roger Schlegelmilch, sollte den Starter im letzten Match des gesamten Turniers aber würdig vertreten.

Obwohl den Virgin Guards der Titel nicht mehr zu nehmen war, bebte die Harzlandhalle (~ 500 Zuschauer), ging es doch in dieser finalen Partie noch um Platz zwei hinter den Magdeburgern. Die Wiener machten es den Harzern nicht leicht, sich selbst dafür aber ungleich schwerer. Von Beginn an nahmen die Ritter das Heft in die Hand. Im ersten Drive scheiterte man an der 1 yard Linie der Moutain Tigers. Das Ganze sollte sich später im Spiel noch einmal wiederholen. Man versuchte es zu oft über die Mitte, als man zu selten über die Seite kam, waren die Linebacker der Tigers in den wichtigen Momenten am Posten. Jürgen Hablas, im Vorjahr der erfolgreichste österreichische Runningback der AFL (Danube Dragons), spielte vier Partien lang zum Teil sehenswerten Football auf beiden Seiten der Line (RB/LB/DB), aber auch er konnte die kurze Distanz für die Wiener nicht überbrücken. Ansonsten scorte die Dragons Leihgabe regelmäßig.

Ebenfalls in guter Form war der ehemalige National Team Junior DB/LB Wladislaw Lewin, der nicht nur seine übliche Vorliebe für Gänge dorthin wo es wirklich weh tut zeigte, sondern auch einen Interception TD Return erzielen konnte. Leider nicht im entscheidenden Spiel. Lewin teilte (nicht zum ersten Mal) Monsterhits aus, einer von diesen Krachern brachte ihn selbst ins Wanken. Ein wirklicher KNOCK (man stelle sich das als Comic vor) ging durch die Halle als Lewin mit einem RB kollidierte. Er sprang auf, spazierte im Kreis und auf Schlangenwegen umher und protestierte lauthals (es ist alles in Ordnung!) als ihn die Coaches in der Team Area mal flach legten und untersuchen ließen. Er durfte danach aber weiterspielen.

Man spielte also ganz gut in dem Match – bis Schuhgröße 44 vor der Endzone (Zitat Hallensprecher). Die letzten Zentimeter waren aber wie verhext. Auch in der Defense bot man eine ansprechende Leistung, ließ man nur einen einzigen Score der Tigers zu, welcher aber zum 0:8 Sieg reichen sollte. Die Knights fielen damit gleich um zwei Plätze zurück und wurden am Ende bloß Vierter, oder hart gesprochen Vorletzter.

Knights Head Coach Mathias Weinberger zog nach dem Turnier trotzdem eine sportlich positive Bilanz (gute Erfahrung, von Spiel zu Spiel gesteigert), vermerkte als Wermutstropfen aber die Verletzung Nowotnys.

Das Fazit und das Regelwerk
Dem Knights Trainer kann man beipflichten. Die Wiener haben (in chronologischer Reihenfolge) eine schlechte, eine mittelmäßige und zwei sehr gute Matches gezeigt, konnten sich von Spiel zu Spiel besser auf die Gegebenheiten einstellen. Erfahrung pur stünde am Werbeplakat pro Brockenbowl für die Wiener.

Manche Regel war jedoch fragwürdig. Der Kickoff über 30 yards ‚Länge‘ ist nicht ganz probat (Touchback Schwemme), aber so richtig daneben ist die Time Rule. Es wird 2×15 Minuten gespielt, dabei läuft die Uhr immer durch. Es gibt pro Halbzeit ein Team Timeout. So kam es zu mehreren seltsamen Vorfällen. In einem Fall diskutierten die Referees eine am Boden liegende Flag, während dem angreifenden Team, welches nur mehr wenige yards zu gehen hatte und im Rückstand lag, die Zeit auslief. Mitten in der Besprechung erklang die Sirene – es gab keinen Spielzug mehr, weil die Schiedsrichter weiter debattierten und dabei sogar das Signal überhörten. In einem ähnlichen Fall später gaben sie rückwirkend ein Referee Timeout bekannt, somit dieses Team dann sehr wohl noch einen Spielzug hatte. Das war zufällig zu Gunsten der Gastgeber. Besondere Unmut beim Publikum zog sich ein Team zu, welches vier Minuten vor Ende der Partie ihren knappen Vorsprung über diese Zeit abknien konnten. Auch solchen ‚Unsportlichkeiten‘ ist damit Tür und Tor geöffnet. Sei’s drum – das Ganze sollte man überdenken und anders regeln.

Positiv ist aber anzumerken, daß die Spielgeschwindigkeit- und Härte im höchsten Maße attraktiv für Zuseher ist. Es passiert dauernd etwas am Platz, denn fast jeder Spielzug ist auf einen Touchdown ausgerichtet. Da es keine Banden gibt und der Weg von der Sideline zur Mauer relativ breit bemessen ist, geht man auch bis zu dieser hart zur Sache. Das einzige was einem dort im Weg herumstehen könnte sind zu mutige Journalisten, die die Gefahr zwar kennen, aber dieser trotzig sind. Alles in allem also ein Augenschmaus, wo die Drittklassigkeit der Teilnehmer gar nicht mehr so ins Gewicht fällt.

Negativ ist (paradox) genau das Gleiche. Eine gewisse Überreizung tritt nach längerer Betrachtung ein. Wenn man 8 Stunden lang zwei Teams dabei zusieht jetzt sofort einen Score zu erzielen, bzw. ihn zu verhindern, wird das Auge irgendwann müde. So gab es auch einige Durchhänger (zum Frühstück, zur Mittagszeit, und beim Nachmittagskaffe) beim Publikum, welches ansonsten nicht nur zahlreich erschien, sondern auch fachlich auf der Höhe war. Wirklich eine tolle Stimmung. Es waren auch erfreulich viele Fans des in der Nähe beheimateten GFL Champions Braunschweig Lions anwesend. Ihr größter Anhänger, Braunschweig Headcoach Kent Anderson, nahm nicht nur die Siegerehrung vor, sondern gab Football-Austria.com noch ein Exklusiv Interview. (Video folgt).

Spielergebnisse:
Wernigerode Mountain Tigers : Magdeburg Orcas 26:0
Magdeburg Virgin Guards : Vienna Knights 20:0
Obertshausen Blizzards : Wernigerode Mountain Tigers 8:14
Magdeburg Orcas : Magdeburg Virgin Guards 0:26
Vienna Knights : Obertshausen Blizzards 12:14
Wernigerode Mountain Tigers : Magdeburg Virgin Guards 12:16
Obertshausen Blizzards : Magdeburg Orcas 6:6
Magdeburg Orcas : Vienna Knights 0:30
Magdeburg Virgin Guards : Obertshausen Blizzards 22:0
Vienna Knights : Wernigerode Mountain Tigers 0:8

Tabelle:
1 . Magdeburg Virgin Guards
2 . Wernigerode Mountain Tigers
3 . Obertshausen Blizzards
4 . Vienna Knights
5 . Magdeburg Orcas

Gameday
Die Organisation vor Ort war 1A (auch für die Teams), die Halle hat ‚Charakter‘ und es wird einiges drum herum geboten. Das Spice des Harz, das Hasseröder Premium Pils ist allgegenwärtig, ob an der Bar oder als Hauptsponsor. Der Hallensprecher war kompetent und zum richtigen Zeitpunkt auch Schreihals. Die ‚Standln‘ in der Vorhalle (NFL u. College Merchandising, Ausrüstung, Mountain Tigers Info Pult) waren für Fans und Spieler Anlaufstelle und Treffpunkt. Das alles war in Ordnung bis wirklich sehr gut.

Wir kommen zum Unvermeidlichen – dem Essen und Trinken.

Jetzt wird es ein wenig kompliziert. Wenn ein Ösi zu den Ossis reist, dann tun sich trotz der vermeintlich kulturellen Nähe gerade dort oft Canyons des guten Geschmacks auf. Wenn man um 10 Uhr am Morgen die Auswahl zwischen Alkohol (Bier), Zucker (Cola schwer) oder Alkozucker (Cola schwer mit Bier = Diesel) hat, greift der Österreicher zum Kaffee. Was man aber in Mitteldeutschland unter dem Extrakt versteht, hat gar wenig mit dem zu tun, was wir mit der Bohne hierzulande anstellen. Wasser und Fruchtsäfte gab es aus dem Automaten.

Das Essen ist noch schwerer zu beschreiben. Bei der Burgerstation gab es ‚Ansichtsburger‘ in der Auslage. Dummies, die eine Mona Lisa eines Hamburgers darstellten. Sah einfach köstlich aus. Bestellt und geliefert kam das Teil 1:1 wie als Schaufenster Burger angepriesen. Das Brot mit Sesam bestreut, gute Rundung oben, scheinbar stabile horizontale Lage unten, dazwischen viel Fleisch, eine Scheibe glänzender Speck, weißer Zwiebel und eine grüne Salateinheit mit Senfgurke. Als hätte Leonardo da Vinci selbst Hand angelegt. Sind wir im heimlichen Burger Mekka gelandet?

Mitnichten! Man ißt auch mit dem Auge, aber vor allem mit dem Mund und der Zunge. Das vermeintliche Meisterwerk entpuppte sich beim ersten Biß als naive Kunst. Der ganze Burger war kalt, sein Boden war vollgesaugt vom Wasser des Salats und der Senfgurke, zerfiel bei der leisesten Berührung in seine Einzelteile. Geschmacklich lag man trotz Unterkühlung noch im mittleren Bereich. Trotzdem nur etwas für wirklich Hungrige. Besser da schon das Gekochte im Hexenkessel, was man nonchalant Gulasch nannte, aber mit dem ungarischen Nationalgericht freilich wenig zu tun hatte. Allerlei buntes Gemüse und Wurzelwerk, vermischt mit Fleisch und Hülsenfrüchten. Im Gegensatz zum Burger sehr heiß und schmackhaft.

Brockenbowl XII
Harzlandhalle, Ilsenburg, 28.1.2006,
Kickoff:10:00h, 500
Football-Austria.com Spielbewertung (max. 10 Balls)
Spielniveau: ****
Ambiente: *********
Unterhaltungswert: ********
Burger Test: **

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