Berlin Thunder gilt als das bekannteste American-Football-Projekt der Hauptstadt. Doch hinter der öffentlichen Selbstdarstellung des ELF-Franchises zeichnet sich ein deutlich problematischeres Bild ab. Exklusive Recherchen der Berliner Morgenpost legen nahe, dass Berlin Thunder in der vergangenen Saison mit massiven finanziellen, rechtlichen und organisatorischen Problemen zu kämpfen hatte.

Bereits im Sommer 2025 wurde über die Betreibergesellschaft FBG Football Berlin GmbH ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eröffnet. Geschäftsführer Rasheed Moka erklärte damals, das Verfahren befinde sich in den „finalen Zügen“. Gegenüber dem Fachportal Foot Bowl sagte Moka :

„Wir sind in den finalen Zügen mit dem Sachverwalter und dem Gericht, das Verfahren abzuschließen, und damit dann eine saubere Firma zu haben.“
(Zitat nach Foot Bowl)

Nach Recherchen der Berliner Morgenpost gibt es jedoch erhebliche Zweifel an dieser Darstellung.


Verzögerte Gehälter und fehlende Transparenz

Mehrere ehemalige Spieler, Trainer und Mitarbeiter berichten laut Berliner Morgenpost, dass sich bereits ab Februar 2025 Gehaltszahlungen verzögert hätten. Im März seien Zahlungen teilweise ganz ausgeblieben. Besonders brisant: Das Insolvenzverfahren wurde während der laufenden Saison eröffnet – ohne, so die Vorwürfe, dass Spieler oder Trainer darüber informiert wurden.

Der ehemalige Offensive-Line-Coach Art Valero erhebt schwere Anschuldigungen gegen die Verantwortlichen.

„Sie haben die bevorstehende Insolvenz uns gegenüber nie erwähnt.“
(Art Valero gegenüber der Berliner Morgenpost)

Ein ehemaliger Spieler schildert zudem eine Kultur der Abschottung:

„Sein Motto war: Ihr seid Spieler, euch geht das nichts an.“
(Zitat, Berliner Morgenpost)


Sechsstellige Verbindlichkeiten und Lohnklagen

Nach Informationen der Berliner Morgenpost sollen inzwischen mehr als 24 Spieler und Mitarbeiter Lohnklagen eingereicht haben. Die mutmaßlichen Verbindlichkeiten belaufen sich laut Aussagen mehrerer ehemaliger Angestellter auf eine deutlich sechsstellige Summe. Auch gegenüber dem Berliner Senat sollen noch offene Forderungen bestehen.

Neben ausstehenden Gehältern werden auch vertraglich zugesicherte Leistungen genannt, die nie erbracht worden seien – etwa ein Dienstwagen für Coach Valero.


Visa-Probleme und Barzahlungen

Besonders heikel sind die Vorwürfe rund um die Beschäftigung von US-amerikanischen Spielern und Coaches. So sollen mindestens vier US-Amerikaner ohne gültiges Arbeitsvisum tätig gewesen sein. Stattdessen seien Touristenvisa genutzt worden – ein Vorgehen, das rechtlich höchst problematisch ist.

Valero beschreibt zudem fragwürdige Zahlungspraktiken:

„Das Geld wurde mir bar ausgezahlt – ohne Belege. Dabei stand im Vertrag ausdrücklich, dass bargeldlos überwiesen wird.“

Auch leistungsbezogene Spielerboni sollen laut Aussagen ehemaliger Akteure teilweise bar ausgezahlt worden sein.


Nachträgliche Vertragsänderungen ohne Zustimmung

Ein weiterer schwerwiegender Vorwurf betrifft die nachträgliche Änderung von Spielerverträgen. Mehrere Akteure sollen ursprünglich Zwölf-Monats-Verträge unterzeichnet haben, die mitten in der Saison ohne ihr Einverständnis auf Sechs-Monats-Verträge geändert wurden.

Die Berliner Morgenpost berichtet, Einsicht in entsprechende Vertragsunterlagen gehabt zu haben. Auffällig: ausgetauschte Seiten, unterschiedliche Scan-Formate und eine Unterschrift eines ehemaligen General Managers, der zum Zeitpunkt der Änderung bereits nicht mehr im Amt war.


Juristische Folgen und politische Einordnung

Mehrere betroffene Spieler sind inzwischen gerichtlich gegen Berlin Thunder vorgegangen. Auch die Staatsanwaltschaft Berlin soll über die Vorgänge informiert sein. Weder der Insolvenz-Sachwalter noch Geschäftsführer Moka äußerten sich laut Berliner Morgenpost zu den Vorwürfen.

Der Berliner Senat bestätigte lediglich, dass im November ein erstes Gespräch mit Berlin Thunder „mit Blick auf die Saison 2026“ stattgefunden habe. Gleichzeitig stellte die Senatsverwaltung klar, dass die Situation des Franchises keinen Einfluss auf die NFL-Spiele in Berlin habe.


Gefahr für die Glaubwürdigkeit der ELF

Der Fall Berlin Thunder reiht sich in eine wachsende Liste von Problemen einzelner ELF-Franchises ein. Insolvenzen, ausstehende Gehälter, Visa-Probleme und rechtliche Auseinandersetzungen werfen zunehmend Fragen nach Strukturen, Kontrolle und wirtschaftlicher Tragfähigkeit der Liga auf.

Während sich Berlin Thunder öffentlich bereits als Mitglied der neuen American Football League of Europe (AFLE) präsentiert, bleibt offen, ob und in welcher Form das Projekt künftig tragfähig sein wird.

Die Recherchen der Berliner Morgenpost liefern jedenfalls ein deutliches Warnsignal – nicht nur für den Standort Berlin, sondern für den europäischen Franchise-Football insgesamt.


Kommentar: Der Fall Berlin Thunder ist mehr als ein Einzelfall

Die Recherchen der Berliner Morgenpost zu Berlin Thunder sind kein lokales Randthema – sie treffen den Kern der European League of Football. Wenn sich auch nur ein Teil der erhobenen Vorwürfe bestätigt, geht es nicht um operative Fehler, sondern um grundlegende Fragen von Verantwortung, Kontrolle und Glaubwürdigkeit innerhalb einer europäischen Profiliga.

Die ELF ist als Franchise-Liga angetreten, um professionellen American Football auf dem Kontinent nachhaltig zu etablieren. Dieses Versprechen basiert auf klaren Voraussetzungen: wirtschaftliche Stabilität, rechtssichere Arbeitsverhältnisse und verlässliche Strukturen. Fälle wie Berlin Thunder – zuvor schon andere Standorte – zeigen jedoch, dass diese Standards nicht überall ausreichend überprüft oder durchgesetzt werden.

Besonders problematisch ist die zeitliche Dimension. Ein Insolvenzverfahren mitten in der Saison, verspätete oder ausbleibende Gehaltszahlungen, Visa-Fragen und mutmaßliche Vertragsmanipulationen sind kein Betriebsunfall, sondern Symptome eines Systems, das zu schnell gewachsen ist. Expansion darf kein Selbstzweck sein – vor allem nicht in Metropolen, in denen politischer Druck, öffentliche Wahrnehmung und hohe Erwartungen zusammenkommen.

Für die ELF steht damit mehr auf dem Spiel als der Ruf eines einzelnen Franchises. Jeder solcher Fall beschädigt das Vertrauen von Spielern, Coaches, Sponsoren und Fans in das gesamte Projekt. Gerade internationale Spieler, die ihre Karriere und ihren Lebensmittelpunkt auf ELF-Zusagen aufbauen, brauchen Rechts- und Planungssicherheit – nicht nur sportliche Perspektiven.

Will die ELF langfristig bestehen, muss sie aus diesen Entwicklungen Konsequenzen ziehen: strengere Lizenzierungsverfahren, laufende wirtschaftliche Kontrollen und klare Sanktionen bei Verstößen. Professioneller Football entsteht nicht durch Logos, Social Media und große Namen – sondern durch belastbare Strukturen im Hintergrund.

Der Fall Berlin Thunder sollte daher nicht ausgesessen, sondern als Zäsur verstanden werden. Für die Liga, für bestehende Franchises – und für alle zukünftigen Projekte im europäischen Football.

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Michael Velicky
Michael Velicky
24. Dezember 2025 11:41

Tja. Eine Gruppe von Selbstdarstellern im totalen Größenwahn.
Aber gegen Gastzuschauer aggressiv vorgehen und dann nicht für ein Gespräch zur Verfügung stehen…
Ich wünsche – und jetzt wird’s schwierig- den Spielern und den Fans alles Gute, den Franchiseverantwortlichen aber einen Tritt in den Allerwertesten und ordentliche Haftungsklagen!