„Das größte Highlight war kein Titel, sondern das Vertrauen der Jungs“

25 Jahre bei einem einzigen Verein – von den Super Minis bis zum Kapitän der Kampfmannschaft. Wie geht es dir drei Tage nach der Bekanntgabe, und welcher Moment steht rückblickend über allen anderen?

Adrian Platzgummer: Mittlerweile geht es mir eigentlich wieder ganz gut. In den Wochen vor der Entscheidung macht man sich natürlich extrem viele Gedanken: Wie sagt man es? Welche Worte wählt man? Wie werden die Reaktionen ausfallen? Jetzt ist eine gewisse Erleichterung da.

Was die Highlights angeht: Das Schönste für mich persönlich war kein einzelner Titel, sondern der Moment, als ich 2016 von meinen Teamkollegen zum Captain gewählt wurde. Dieses Vertrauen zu bekommen und diese Rolle über Jahre ausüben zu dürfen, bedeutet mir im Rückblick mehr als die Pokale. Der bitterste Moment war sicherlich 2012 die erste Heimniederlage gegen Calanda im Tivoli Stadion, als ich als Quarterback auf dem Feld stand.

 

Gab es in all diesen Jahren einen Augenblick, an dem du kurz davor warst, die Schuhe früher an den Nagel zu hängen?

AP: Nein, konkrete Rücktrittsgedanken gab es davor nie. Ich habe mir nie vorgenommen, genau 25 Jahre zu spielen. In den letzten vier, fünf Jahren habe ich einfach von Saison zu Saison entschieden: Solange die Offseason gut läuft, ich mich fit fühle und meinen eigenen Ansprüchen gerecht werde, spiele ich weiter. Ich bin extrem froh, dass ich meine Karriere zu meinen eigenen Bedingungen und ohne schwere Verletzung beenden konnte. Das Glück hat leider nicht jeder.


Zwischen Paragrafen und Sideline: Die Zukunft nach dem Helm

Du bist beruflich als Rechtsanwalt gefordert. Lässt sich eine Coaching-Karriere in der Zukunft mit deinem Berufsleben vereinbaren?

AP: Es lässt sich sicher nebenbei vereinbaren. Ich werde mich auf jeden Fall im Coaching ausprobieren, allerdings vorerst nicht im selben zeitlichen Ausmaß wie als aktiver Spieler. Es wäre unklug, sich gleich wieder denselben Stress aufzubürden. Ich fange lieber kleiner an und schaue, wie sich das entwickelt.

Was wirst du am meisten vermissen – und worauf freust du dich im „Football-Ruhestand“ am meisten?

AP: Am meisten vermissen werde ich definitiv die Zeit in der Kabine mit den Jungs. Täglich seine Freunde zu sehen und Blödsinn zu reden – das hat immer extrem viel Spaß gemacht. Auf der anderen Seite freue ich mich darauf, den Druck herauszunehmen. Nicht mehr bei jedem Training diesen eigenen Leistungsdruck zu verspüren, immer abliefern zu müssen, wird eine sehr angenehme Erfahrung sein.

„Am meisten vermissen werde ich definitiv die Zeit in der Kabine mit den Jungs. Täglich seine Freunde zu sehen – das hat immer extrem viel Spaß gemacht.“

Eine Ära geht zu Ende: Adrian Platzgummer beendet nach 25 Jahren seine Karriere


Bruder Sandro, der NFL-Traum und die Realität im IPP-Programm

Dein jüngerer Bruder Sandro hat es bis in die NFL zu den New York Giants geschafft. Wie hast du diese drei Jahre als großer Bruder aus der Distanz erlebt?

Adrian und Sandro Platzgummer
Foto: Privat

AP: Es war nicht einfach, weil wir seit unserer Kindheit alles zusammen gemacht haben – jedes Training, jede Kraft- und Laufeinheit. Auf einmal war er in einer völlig anderen Zeitzone. Man bekommt natürlich nicht mehr jedes Detail mit und durch die Corona-Beschränkungen war es erschwert, drüben dabei zu sein. Ich hätte ihn in dieser Phase sehr gerne noch öfter vor Ort unterstützt und das Ganze aus erster Hand miterlebt.

Wie bewertest du das International Player Pathway (IPP) Program aus der Sicht eines europäischen Top-Spielers?

AP: Grundsätzlich ist es eine tolle Sache, um NFL-Luft zu schnuppern und einen Einblick in dieses Business zu bekommen. Sportlich gesehen muss man aber realistisch sein: Man wird als IPP-Spieler nicht mit denselben Maßstäben gemessen wie ein US-Spieler, der vier Jahre College hinter sich hat. Es gibt im Hintergrund extrem viel Sportpolitik. Wer glaubt, dass man dieselben Chancen auf den Roster hat wie jeder andere, macht sich etwas vor. Das kann sportlich manchmal sehr frustrierend sein.

Als Sandro 2024 nach seinem Raiders-Comeback nach Frankfurt wechselte: Wie intensiv hast du versucht, ihn in Innsbruck zu halten?

AP: Ich habe es natürlich versucht, weil ich unbedingt noch einmal mit ihm zusammen auf dem Feld stehen wollte. Für mich gab es nie eine Debatte, woanders hinzuwechseln. Aber Sandro hatte seine eigenen Beweggründe, und als erwachsener Mann muss man seine Entscheidung am Ende akzeptieren.

Hand aufs Herz: Gab es jemals den Gedanken: „Verdammt, vom Talent und Aufwand her hätte das auch mein Weg sein können“?

AP: Von mir aus gab es diesen Frust oder Neid nie. Ich hatte durch den Bobsport (fünf Jahre Weltcup) bereits meinen eigenen Weg gewählt. Dieser Vergleich wurde eher von außen an mich herangetragen – nach dem Motto: „Warum hat er es geschafft und du nicht?“ Wenn das nicht gewesen wäre, hätte mich der Gedanke nie beschäftigt. Ich war und bin einfach nur stolz auf ihn.

„Das IPP-Programm ist eine tolle Sache, um NFL-Luft zu schnuppern. Aber man muss realistisch sein: Es gibt im Hintergrund extrem viel Sportpolitik.“


Sorgenkind AFL & die Hoffnung auf ein vereintes Football-Europa

Die Raiders waren jahrelang das Maß aller Dinge in der AFL, tun sich derzeit aber schwer. Wie schmerzt dieser Anblick als Veteran?

Adrian Platzgummer
Foto: Adnan Bajric

AP: Es tut natürlich weh, weil man so eng mit dem Verein verbunden ist und ihn immer an der Spitze sehen will. Es gab immer wieder mal schwierige Jahre, aber dass es sich aktuell so häuft, ist hart. Durch die Aufteilung auf die europäischen Ligen fehlen dem AFL-Team Kaderressourcen. Der Schlüssel liegt jetzt in der Nachwuchsarbeit. Wir müssen schaffen, dass aus der U18 nicht nur zwei bis drei Spieler nachrücken, sondern acht bis zehn, die man dann im Herrenbereich hält.

Der europäische Football spaltet sich aktuell auf. Wie bewertest du diese Entwicklung und wo siehst du den Sport in 10 Jahren?

AP: Es wäre für den Football in Europa natürlich das Beste, wenn alle Top-Teams in einer einzigen gemeinsamen Liga spielen würden – dazu gibt es keine zwei Meinungen. Auf dem Feld in der EFA waren die Spiele gegen Teams wie Nordic Storm oder Munich Ravens extrem kompetitiv und haben riesigen Spaß gemacht. Ich hoffe sehr, dass die Verantwortlichen beider Ligen irgendwann ihre Egos zurückschrauben und sich an einen Tisch setzen, um eine nachhaltige Gesamtlösung für Europa zu schaffen.

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