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26.12.2015 10:52
Von: Walter Reiterer

Endzone: Die Theorie ist der größte Feind der Praxis

Zwei Runden vor Ende des Grunddurchgangs nimmt die Playoff-Prognose der Vorwoche gefährliche Konturen an. Theoretisch ist noch einiges möglich, praktisch sind die Weichen aber gestellt.


One Hand Catch-Wunder und Zornbinkel Odell Beckham (13) wird den New York Giants am Sonntag gegen die Minnesota Vikings fehlen. In der NFC East hat der vierfache Super Bowl Sieger nur mehr Außenseiterchancen gegen Washington und Philadelphia.
Foto: Allen Kee/ESPN Images

Der Tie-Breaker ist ein Schwein. Vor allem jener gegen die New York Jets (9-5). Zwar haben sie ihr Spiel bei den Dallas Cowboys gewonnen, das taten aber auch die Kansas City Chiefs (9-5), die Baltimore keine Chance ließen, so wie die Pittsburgh Steelers (9-5), die ihre Partie gegen die Denver Broncos (10-4) nach der Pause (13:27) noch zu einem 34:27-Sieg drehen konnten. Dabei zeigte Denver zwei völlig unterschiedliche Gesichter. Die ersten beiden Viertel dominant auf beiden Seiten des Balls, zerbröselte es die Mannschaft von Gary Kubiak im dritten und vierten Spielabschnitt vollends. Das war insofern interessant anzusehen, da die Broncos noch lange nicht durch sind. Theoretisch können sie sowohl mit 10-6 als auch mit 11-5 (!) noch aussteigen, landen im zweiten Fall dort auch PIT, KC und die NYJ.

Das ist die eine von zwei Chancen der Jets. Der aktuelle Tie-Breaker gegen sie ist in einem Fall allerdings schon fast gemein. Gegen die Chiefs ist es noch der Conference Record (8-2 vs. 6-4), gegen die Steelers aber „nur“ mehr der dritte (von insgesamt elf definierten) Tie-Breakern der zum Tragen kommt: Ergebnisse in bisherigen Saisonspielen gegen (mindestens vier) gleiche Gegner. Hier steht es 3-1 zu 2-2 für Pittsburgh. Das kommt jetzt nicht alle Tage vor und er lässt sich in den letzten zwei Runden auch nicht mehr korrigieren, da kein fünftes solches Spiel mehr am Plan steht.

Die zweite Chance der Jets ist es also, sich mit dem ordinären W-L Record durchzusetzen. Dazu müssen sie aber vermutlich am Sonntag die New England Patriots (12-2) schlagen. Die kündigten zwar an, daran zu denken Starter zu schonen, meinten aber damit wohl eher die Woche 17, sollte bis dahin der Nummer 1 Seed gesichert sein. Heisst: Die Patriots werden mit allem was ihnen personell zur Verfügung steht in dieses Spiel gehen.

Gefühlt sind die Chancen der Jets, die ihre Wild-Card in Woche 15 vorerst verloren haben, trotzdem gestiegen, um am Ende doch noch eine Post Season zu erleben. Das liegt mehr an Denver als an den offensichtlich direkten Konkurrenten, da den Broncos durchaus auch noch Niederlagen gegen Cincinnati (11-3) und sogar San Diego (4-11) zuzutrauen sind, wenn sie so spielen wie am Heinz Field in der zweiten Hälfte. Es kommt stark darauf an, wieviel die Defense von der Suppe auslöffeln kann, die ihnen Quarterback Osweiler Woche für Woche einbrockt. Peyton Manning ist gegen Cincinnati inactive, der wird ihnen frühestens gegen die Chargers in die Bresche springen können.

AFC South weiterhin offen
Die AFC East- und North-Gewinner stehen mit den Patriots und Bengals fest, die West könnte, siehe oben, noch interessant werden, ebenso aber noch die South. Indianapolis (6-8) kann an Houston (7-7) allerdings nur mehr mit Siegen über Miami und Tennessee vorbei und das auch nur dann, sollten die Texans gegen Tennessee und Jacksonville (5-9) verlieren.

Mit den Jaguars gibt es theoretisch noch einen dritten Mitbewerber im Bunde. Jacksonville schlägt Houston und New Orleans, Houston verliert zuvor noch gegen Tennessee und in Woche 17 müssen auch die Colts gegen die Titans den Kürzeren ziehen. Dann (und nur dann) zieht Jacksonville zum ersten Mal seit 2007 wieder in ein Playoff ein. Das sind natürlich zu viele Fragezeichen, um dem Szenario Realitätsnähe angedeihen zu lassen. Trotzdem ist es verständlich, dass die Jags den Umstand, mit am Papier bestehenden Playoff-Chancen in die Woche 16 zu gehen, auf ihrer facebook Seite ordentlich abfeiern. Es ist ein Aufwärtstrend erkennbar und man ist „Still Alive“, ganz im Gegensatz zu Baltimore, San Francisco, Dallas, Chicago usw. Realistisch betrachtet sind sie den Status am Montag dann aber endgültig los.

Eagles verlieren und sind Herr über ihr Schicksal
Anders als die New York Jets, die bereits auf Mithilfe anderer Teams angewiesen sind, hat es ein Team noch selbst in der Hand, welchem man das so ganz und gar nicht ansieht: Die Philadelphia Eagles (6-8) würden mit einem Winout (vs. WAS und @NYG) die NFC East gewinnen und in die Wild Card-Runde gehen. Allerdings nur dann.

Das ist schwer zu glauben, schaut man sich alleine an, was das Team in der Vorwoche gegen Arizona seinen Fans zu Hause geboten hat. Das war einfach gar nichts und trotzdem ist man noch im Driver Seat, da die Redskins (7-7) und die Giants (6-8) tatsächlich in ihrer Schlagweite sind. Sollte das nicht klappen, wird sich ihr Head Coach Chip Kelly wohl einen neuen Job suchen müssen. Der Mann, der alle Fäden in der Hand halten will, kuriose Entscheidungen am und abseits des Feldes trifft und so nebenbei vier Niederlagen gegen Mannschaften mit einem Losing Record zu verantworten hat, schaut bei Interviews schon sehr angezählt aus. In Philadelphia gibt es heute bereits mehr Leute die ihn los werden wollen, wie sie sein Vorgänger Andy Reid in 13 Saisonen nicht gesammelt hat. Und der war zwischenzeitlich ein durchaus fleißiger Sammler.

Der Tradition verpflichtet?
Vielleicht kommt aber überhaupt alles ganz anders, nämlich so:
2007 unterlagen die New York Giants den ungeschlagenen New England Patriots mit 35:38 im Grunddurchgang und wir wissen was danach passierte.
2011 unterlagen die New York Giants den zu dem Zeitpunkt ungeschlagenen Green Bay Packers mit 35:38 im Grunddurchgang und eliminierten sie im Playoff.
2015 unterlagen die New York Giants den ungeschlagenen Carolina Panthers mit 35:38 im Grunddurchgang und …

Na, wie geht die Geschichte weiter? Ich meine, trotz einer gewissen Verpflichtung der eignen Tradition gegenüber, gar nicht, da die Größe des Wunders überdimensional ist. Sie müssten ihre beiden Spiele gewinnen, Washington beide verlieren. Das ist das einzige Szenario für die Football Giants, um sich im neuen Jahr dann theoretisch noch an den Panthers revanchieren zu können. Was erschwerend dazu kommt, ist die Sperre von Wideout Odell Beckham, der nach seinen völlig entrückten „Ich schiess dich aus dem Leben“-Aktionen gegen seine Carolina Nemesis Josh Norman für das Spiel gegen Minnesota (9-5) gesperrt wurde. Was mir ein wenig abgeht, ist eine Sperre gegen Norman, der sich nur geringfügig vernünftiger verhielt. Ist aber egal, Beckham sitzt zurecht die Strafe ab. Ich halte sie deshalb nicht für zu gering, da die Schwere der Strafe sich durch die enorme Wichtigkeit der kommenden Partie deutlich erhöht.

Einer noch für Carolina
Die Carolina Panthers (14-0) brauchen noch einen Sieg (oder eine Niederlage von Arizona), um nach dem Divisionstitel und dem First Round Bye auch Heimrecht in einem möglichen Conference Final abzusichern. Auch wenn die Panthers nicht immer zu 100 Prozent bei der Sache sind – das Spiel gegen die New York Giants hätte man fast noch aus der Hand gegeben – wird es wohl am Sonntag bereits so weit sein, wenn sie bei den Atlanta Falcons gastieren. Schwer vorstellbar, dass sie im Falle eines Sieges zum 15-0 danach einen Gang zurück schalten, um ihre Starter für das Divisional Playoff zu schonen, denn die Verlockung, als zweites Team überhaupt eine Perfect Season zu erreichen (Miami Dolphins 1972), ist wohl auch für den coolen Rechner Ron Rivera zu groß. Die historische Chance kommt vielleicht nie wieder.

Ihre Playoff-Teilnahme abgesichert haben in der Vorwoche die Packers (10-4) und die Seahawks (9-5). Hier geht es „nur“ noch ums Seeding. Für Green Bay ist sogar noch eine spielfreie Woche drinnen. Voraussetzung dafür wäre ein Sieg am Sonntag über Arizona und in Woche 17 über Minnesota, wenn dann auch noch die Cardinals so gnädig wären und gegen Seattle verlieren. Nicht ganz unmöglich, wenn auch eher unwahrscheinlich. Seattle, für welches der Divisionstitel außer Reichweite ist, kann nur mehr seinen fünften Platz an Minnesota (9-5) oder Green Bay verlieren, abhängig davon, wer die NFC North gewinnt. Das wird sich eventuell erst in Woche 17 entscheiden, wenn Green Bay die Vikings am Lambeau Field begrüsst. Das Hinspiel ging an die Packers, die allerdings den schlechteren Division Record (3-2 zu 4-1) im Vergleich zu Minnesota haben.

Damit es nicht heisst, ich vergesse immer die „kleinen“ Teams. Ja, die Atlanta Falcons (7-7) haben noch immer eine Chance auf ein Playoff. Das geht theoretisch so: Sie schlagen Carolina und New Orleans, Seattle verliert gegen St. Louis und Arizona und Minnesota verliert gegen die New York Giants und Green Bay. So viele Sektflaschen gibt es in Georgia aber gar nicht, die man dann köpfen müsste.

Meine Playoff Prognose der Vorwoche deckt sich seit Sonntag mit dem aktuellen Playoff-Bild und trotz einiger Fragezeichen, sehe ich die Dinge am ehesten so kommen:

AFC Playoff Prognose:
1. New England
2. Cincinnati
3. Denver
4. Houston
5. Kansas City
6. Pittsburgh

NFC Playoff Prognose:
1. Carolina
2. Arizona
3. Green Bay
4. Washington
5. Seattle
6. Minnesota

Football im TV
Für die Saison 2015 hat sich Pro7/sat1 ein umfangreiches Rechtepaket von 50 Live-Spielen gesichert. Pro7maxx überträgt jede Woche ein Frühspiel (19:00 Uhr) und im Anschluss ein Abendspiel (22:05 od. 22:25 Uhr). Davon profitiert auch Puls 4, welches 30 Spiele live überträgt. Jeden Sonntag ein 22:25 Uhr Spiel, zwei Nachmittagspartien (15:30 Uhr) aus dem Wembley Stadion, so wie alle Playoffs, sprich vier Wild Card, vier Divisional Playoffs, die beiden Conference Finals und die Super Bowl 50. Alle 30 Partien darf ich zusammen mit Michael Eschlböck kommentieren. Sport1US hat die Rechte für die Nachtspiele am Donnerstag (2:25 Uhr), so wie Sonntag und Montag (jeweils 2:30 Uhr) geholt. Alle Spiele live, den Redzone Channel und condensed games gibt es im NFL Gamepass zu sehen. Das Sportportal Spox hat Online-Rechte für die Nachtspiele am Donnerstag, Sonntag und Montag erworben.

Das NFL TV-Programm der Woche 17:

Philadelphia Eagles vs. Washington Redskins**
Nacht Samstag auf Sonntag 02:30 Uhr – Sport1US/spox.com
New York Jets vs. New England Patriots***
Sonntag 19:00 Uhr – Pro7maxx
Arizona Cardinals vs. Green Bay Packers***
Sonntag 22:25 Uhr – Puls 4/Pro7maxx
New York Giants vs. Minnesota Vikings**
Nacht Sonntag auf Montag 02:30 Uhr – Sport1US/spox.com
Denver Broncos vs. Cincinnati Bengals***
Nacht Montag auf Dienstag 02:30 Uhr - Sport1US/spox.com

***muss
**kann
*muss nicht

Schöne Spiele und vielleicht bis Sonntag.

Ihr Walter Reiterer

 

Dieser Artikel erschien zuerst im DerStandard.at






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